Manfred „Zock“ Herzog

Manfred „Zock“ Herzog, der Schlagzeuger der feministischen Post-Hardcore Band „Petrol Girls“, bringt eine unbändige Energie auf die Bühne. Die ausgecheckten Licks und politischen Texte hat die Band sehr eindrucksvoll auf ihr 2019 erschienenes Album „Cut & Stitch“ gepackt.  
Wir haben Manfred Herzog getroffen und mehr über das besondere Studioerlebnis, seinen knackigen Snaredrum-Sound und über den Umgang mit politischen Songtexten, die jemand anderer schreibt, erfahren. 
Interview von Mira Achter

Ihr habt mit Petrol Girls 2019 euer zweites Album „Cut & Stitch“ veröffentlicht. Wie ist der Schreib- und Recordingprozess dazu verlaufen?

Er war sehr anstrengend und kompliziert. Zu dem Zeitpunkt haben wir zwar alle theoretisch in Österreich gewohnt, aber Ren, unsere Sängerin, hat in dem Jahr, in dem wir die meisten Songs geschrieben haben, in Glasgow studiert. Deshalb hatten wir bevor wir ins Studio gegangen sind extrem viele lose Ideen, die noch kein Bild von einem ganzen Album ergeben haben. Die Arbeit im Studio, gemeinsam mit dem Produzenten Pete Miles, war sehr spannend. Er hat sich extra sechs Wochen im Studio blockiert, damit ausreichend Zeit ist. Wir haben begonnen an total willkürlichen Abschnitten zu arbeiten. Ich habe zum Beispiel jeden Tag von 10-12 Uhr am Vormittag einen Schlagzeug-Take aufgenommen. Zugleich gab es Songs, für die wir das Schlagzeug noch nicht aufgenommen hatten. An denen hat dann unser Gitarrist inzwischen schon gearbeitet oder unsere Bassistin hat ihre Takes eingespielt. Das Album ist wirklich erst in den letzten 10 Tagen zusammengewachsen.

Wie habt ihr dann während des Prozesses Entscheidungen getroffen, wenn alles so fragmentiert war?

Das waren zu 100% die Skills von unserem Producer. Er hat ständig den Überblick gehabt. Im Regieraum sind auf allen vier Seiten Pinnwände gestanden, auf denen zum Beispiel Ideen für Texte oder für die Instrumente gehängt sind. Wir haben dann geschaut, woran wir gerade arbeiten, wo es Lücken gibt und dann Ideen von der entsprechenden Pinnwand genommen und verwendet.

Von welchen Ideen gehen eure Songs normalerweise aus?

Es fängt eigentlich immer mit E-Gitarre oder Bass an. Ich muss dann das Riff kennenlernen und verstehen in welcher Timesignatur es ist. Liepa und Joe schreiben sehr impulsiv und verspielt und können deshalb oft selbst nicht sagen, wie sie ein Riff zählen würden. Ich frage dann auch immer, wie das Riff verstanden werden soll, ob es zum Beispiel eher hektisch oder in einem Halftime-Feeling ist. Es fällt auf, dass ich viele Riffs einfach mitakzentuiere, mit Kick und Snare. Es ist selten, dass ich einfach einen geraden Beat über etwas drüber spiele. Das liegt meistens daran, dass ich so lerne, die Riffs zu zählen und dann ändert sich meistens nicht mehr viel.

Wie war das, sechs Wochen fast durchgehend an dem Album zu arbeiten?

Der Gedanke, dass ich sechs Wochen Studioschlagzeuger sein darf - auch wenn es nach der Zeit wieder vorbei ist - war sehr cool. Ich habe mich in der Position sehr geschätzt und unterstützt gefühlt. Ich habe ein großes Maß an Aufmerksamkeit und Wertschätzung empfunden, weil Pete so viel Zeit mit uns verbringen wollte, um das Bestmögliche zu schaffen. Die Schlagzeugaufnahmen sind aber relativ schnell gegangen. Wir haben nie mehr als drei Takes gemacht und dann den besten ausgesucht. Die Zusammenarbeit mit unserem Produzenten hat das sehr einfach gemacht. Ich habe zum Beispiel nie ein rohes Signal vom Schlagzeug gehört. Von früheren Aufnahmen, war ich gewohnt, beim ersten Reinhören einen Dämpfer zu bekommen, weil die Signale unbearbeitet und unverhältnismäßig gemischt waren. Dieses Mal bin ich nach der ersten Nummer in den Regieraum gegangen und habe einen fertig bearbeiteten Raum und fertig bearbeitete Schlagzeugkessel gehört. Deshalb hatte ich von Anfang an das Gefühl: Wow, das klingt voll fett!

Wow, wie geht sich das aus, dass so schnell alles bearbeitet war?

Der Produzent hat sich irgendwann mal ausgecheckt, welche Mikro-Kombinationen er einsetzt und welche Plug-Ins er für den Sound verwenden möchte. Ich finde den Approach cool, weil man das Schlagzeug sofort so hört, wie es empfunden werden soll. Die Takes haben wir auch immer danach ausgewählt, wie sie sich anfühlen. Wenn zum Beispiel kleine Ungenauigkeiten in der Kickdrum drinnen war, war das egal, solange sich der Take gut angefühlt hat und genug Energie hatte. Bei dem Song „Big Mouth“ gibt es zum Beispiel eine Stelle, bei der ein Sample läuft und darüber die Gitarre einen Polyrhythmus spielt. Wenn man genau hinhört, merkt man, dass die Gitarre zuerst leicht voraus ist und ab dem zweiten Takt sind wir dann erst zusammen. ln der Vergangenheit haben wir immer viel Zeit damit verbracht, solche Feinheiten rauszuhören und dann nochmal zu machen. Dadurch hat die Nummer dann aber ein bisschen lebloser geklungen, weil sie totgeschnitten war. Dieses Mal war die Idee, einen Take zu finden, der stimmig ist, anstatt akribisch nach Fehlern zu suchen. Ich bin zufrieden mit dem was ich kann, aber es gibt so viele bessere Schlagzeuger*innen als mich. Deswegen habe ich es cool gefunden, danach zu gehen, was sich gut anfühlt und nicht danach, was zu 100% genau ist.

Ich finde deinen Snaresound auf den Aufnahmen sehr knackig und cool. Wie stimmst du deine Snare?

Endlich fragt mich jemand danach! Also der Sound liegt erstens an der Snare, die ich spielen darf. Ein Musikerkollege aus Boston, der hinter der Marke Wail City Percussion steckt, hat sie mir gebaut. Die Snare ist nach einer fassbauweise gebaut und deshalb ein viel massiverer Block. Es schwingt deshalb nicht alles so stark, wie bei dünnlagigen Kesseln. Damit bekommt man diesen dichten und knochigen Sound. Das Snaredrum Fell ist ein Remo Black Max. Das ist eigentlich für Marchingbands gedacht. Das Besondere daran ist, dass es Ghostnotes und leise Noten stärker verstärkt als andere Felle. Für Petrol Girls müssen Snarewirbel einen gewissen Pegel haben und deshalb passt das Fell perfekt. Zum Stimmen verwende ich immer eine Tama Drum Watch, die misst, wie stark das Fell gespannt ist. Ich stimme sie immer auf 83. Das ist ein Punkt, wo es gerade noch nicht so hoch gepitcht klingt wie eine Stahlsnare. Über die Snare rede ich sehr gerne, auch wenn ich jedes Mal, wenn ich diese Drum Watch auspacke, belächelt werde. Ich versuche das immer still und heimlich, bevor ich auf der Bühne bin, zu erledigen.

Wie hast du überhaupt gelernt Schlagzeug zu spielen?

Es war eine Begleiterscheinung von Bandproben, in denen ich eigentlich Gitarre gespielt habe. Danach habe ich mich dann noch hingesetzt, um neue Sachen am Schlagzeug zu lernen. Besonders wichtig war es für, mir Schlagzeugerinnen und Schlagzeuger anzusehen, egal ob auf Live-Mitschnitten oder Live-Konzerten. Ich finde, da bekommt man ein Gefühl dafür, was passieren muss, damit etwas cool klingt. Mir hat es immer am meisten geholfen anderen zuzusehen und es zu meinem eigenen Ding abzuändern.

Ein ganz anderes Thema noch zum Schluss: Ihr seid als Band ja sehr politisch. War das von Anfang an Teil des Konzepts?

Der Name „Petrol Girls“ ist eine direkte Übersetzung aus dem Französischen des Wortes „Pétroleuses“. Das war eine Kommune von Frauen, die aus Milchflaschen Molotow Cocktails gebaut haben. Also selbst im Namen ist schon ein politischer Anspruch enthalten.

Wie ist das für dich, wenn eine andere Person politische Texte schreibt. Gibt es dann Diskussionen über Inhalte oder Formulierungen?

In unserer Grundideologie sind wir uns sehr einig und verstehen uns. Es gibt Situationen, in denen Ren, unsere Sängerin, zu uns kommt und fragt, wie manche Formulierungen aufgefasst werden könnten oder ob man manche Metaphern falsch verstehen könnte. Der einzige Effekt, den die politischen Texte auf mich haben ist, dass ich in der Band politisch extrem viel dazugelernt habe. Das ist ein wahnsinniges Privileg. Wenn es mich herausgefordert hat, dann nur im positiven Sinne, weil es mir einen neuen Blickwinkel auf etwas gegeben hat.

Fotos: Martyna Wisniewska (IG: Gingerdope)



Solidarity Not Silence!

Petrol Girls engagieren sich für das Crowdfunding, bei dem Geld gesammelt wird um die Anwaltskosten für eine Verleumdungsklage gegen eine Gruppe an Frauen. Sie haben öffentlich über das falsche Verhalten eines Musikers gegenüber Frauen gesprochen und werden deshalb von ihm rechtlich belangt. Hier könnt ihr die Frauen unterstützen, damit sie weiterhin die Kosten tragen und sich wehren können! 



 

 

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