Recording – Zu Hause oder doch lieber ins Studio?

Tonstudios haben eine lange Tradition und waren bis vor ca. zwanzig Jahren die einzige Möglichkeit eine Tonaufnahme zu produzieren, die etwas taugt. Auch wenn das Studio heute noch ein Garant für beste Qualität ist und viele Musiker*innen ihre Alben in solchen Studios aufnehmen, hat sich doch einiges getan in der Recording-Landschaft. Natürlich haben Tonstudios immer noch ihre Daseinsberechtigung, sonst wären sie wohl schon lange ausgestorben. Die Frage, die sich aufdrängt ist demnach, unter welchen Umständen man ins Studio gehen sollte bzw. wann es sich lohnt, es selbst zu versuchen. Um das herauszufinden haben wir uns mit Peter von Peter The Human Boy und David von Finn Parker unterhalten. Beide haben sich dafür entschieden vom üblichen Weg ins Studio abzusehen.
von Adam Zehentner

Man muss also heute nicht mehr zwingend ein Tonstudio besuchen, um ein Album, eine EP oder ähnliches zu produzieren. Theoretisch ist es möglich alles selbst zu erledigen. Und wir reden hier nicht von verrauschten Aufnahmen mit einem Tapedeck, sondern von sauberen Tonspuren die schlussendlich ohne schlechtes Gewissen veröffentlicht werden können. Warum das heute so einfach geht, sollte jedem klar sein: Computer, MIDI-Keyboards, unzählige Synthesizer und andere Klangerzeuger, virtuelle Instrumente, Mikrofone, Interfaces und noch vieles mehr. Man muss auch nicht mehr ein Vermögen für Aufnahmeequipment ausgeben, da es all diese Dinge in verschiedenen Preisklassen gibt.

Sollte man sich nun entschließen nicht ins Studio zu gehen, braucht man trotzdem einen Ort, um das Ganze aufzunehmen. Wie gesagt kann man theoretisch alles zu Hause machen. Für elektronisch produzierte Popmusik oder Hip-Hop wird das auch gut funktionieren. Schwieriger wird es, wenn man mehr sperriges Equipment verwendet oder die aufgenommene Musik so laut ist, dass man es den Nachbarn schlicht nicht zumuten kann. Viele Künstler*innen, vor allem Bands, entscheiden sich deshalb oft dafür alles im Proberaum aufzunehmen oder mieten eine Räumlichkeit, die sich dafür anbietet. Das klingt alles ziemlich simpel, jedoch gehört natürlich noch ein wenig mehr dazu, wenn man alles auf eigene Faust machen will. Neben dem Equipment und den Räumlichkeiten ist das allerwichtigste wohl das Know-how, das man mitbringen sollte.

Das Album von Peter The Human Boy “Goodbye Summer” wurde in Eigenregie von Peter, größtenteils in seiner Wohnung, aufgenommen. Er erzählte uns in einem kurzen Interview wie es dazu kam und wie er alles angegangen ist:

Warum hast du dich für diesen Weg entschieden?

Für mich gehört das Aufnehmen zum Songwriting-Prozess dazu und dabei bin ich gerne alleine. In Ruhe experimentieren zu können, ohne Druck zu verspüren war mir in der Situation wichtig. Außerdem wollte ich verstehen wie man einen Sound kreieren kann, mit dem man selbst zufrieden ist.

Wie schwierig war es für dich einen durchgängigen Sound, also einen Album-typischen Sound zu produzieren, vor allem da du über einen größeren Zeitraum aufgenommen hast?

An das habe ich dabei gar nicht so gedacht. Ich wollte einfach wissen, ob ich alleine ein ganzes Album aufnehmen kann. Die Drums beispielsweise sind bei den meisten Songs unterschiedlich mikrofoniert worden und das kann man auch hören. Das stört mich aber nicht wirklich, da die Songs auch unterschiedlich sind. Das war übrigens auch die größte Herausforderung, einen Drumsound herzubekommen mit dem ich zufrieden bin. Da habe ich wohl am meisten dazugelernt. Vieles von dem Albumsound von dem du sprichst, passiert auch erst danach beim Mixing und vor allem auch beim Mastering. Ich denke beim Mastering macht es auch Sinn, das jemanden machen zu lassen, der das wirklich kann.

Hast du dir im Allgemeinen leicht getan oder ist es dir schwer gefallen alles alleine zu machen?

Anfangs musste ich sehr geduldig sein, um zu lernen, wie ich die verschiedenen Instrumente aufnehmen muss, damit sie gut klingen. In dieser Phase kommt man nicht schnell voran und das kann anstrengend sein. Ansonsten war es schwierig mit etwas abzuschließen, also zu bestimmen, wann man fertig ist. Da hilft es, wenn man sich selbst eine Deadline setzt. Das war bei mir der Termin für das Mastering. Dadurch wusste ich bis dahin muss ich fertig sein. Vieles habe ich auch tatsächlich erst abgeschlossen als der Termin näher rückte.


 

Für das Album von Finn Parker, das voraussichtlich Anfang nächsten Jahres erscheinen wird, hat sich die komplette Band in eine Location eingemietet und sich ein eigenes Aufnahmesetup zusammengebastelt. David hat uns erzählt, wie es ihnen dabei gegangen ist. Da er selbst auch Tontechniker ist, konnte er uns auch plausible Gründe nennen, warum bzw. wann man in ein Studio gehen sollte.

Wie kam es zu der Entscheidung das Recording selbst in die Hand zu nehmen?

Ich glaube, dass ich da etwas mehr ausholen muss. Entscheidungsgrund Nummer eins war der Platz. In unseren Proberäumen wäre das nicht sinnvoll gewesen. Ich wusste im Vorhinein schon, dass die Remise, wo wir das Ganze gemacht haben, eine enorm gute Akustik hat. Ein weiterer wichtiger Faktor war, dass drei von uns vieren zu diesem Zeitpunkt schon diverse Erfahrungen mit Recording gemacht haben. Die größte Rolle kommt hier aber sicherlich unserem Schlagzeuger Felix zu, der mit mir gemeinsam die Mikrofonierung geplant/gemacht hat.

Wie hat das Aufnahmeszenario konkret ausgesehen?

Prinzipiell war es ein Live-Overdubbing Prinzip. Ich spielte den Pilottrack auf der Gitarre ein und über diesen wurden dann die Drums, der Bass und die anderen Instrumente (meist im One Take- Verfahren)  eingespielt. Da ein klassisches Liverecording durch fehlende räumliche Trennung nicht möglich war, habe ich mich eben für diese Variante entschieden, um so den Overdubbs mehr live-Charakter einzuimpfen. Was das Equipment angeht, hatten wir mehrere Mics für die Drums und den Raum, und natürlich für die Amps jeweils eines. Den Bass haben wir mittels Hi-Z Input aufgenommen. Unser Gesangsmikrofon haben wir auch für den Raum benutzt, weshalb wir es immer wieder auf- und abbauen mussten. Da empfehlen sich Bodenmarkierungen. Ansonsten haben wir alles durch ein Mischpult mit Recording-Schnittstelle geschickt und hatten ein Paar aktive Monitorlautsprecher zum Kontrollhören.

Wie verlief das Recording?

Eigentlich verlief es sehr entspannt seitens der Technik. Der Zeitplan war aber sehr dicht angesetzt und wurde auch so durchgezogen. Das bedeutete meistens einen Arbeitstag von neun bis neun, da wir nicht in der Nacht arbeiten durften zwecks Ausgangsbeschränkungen, etc. Aber irgendwas musste ja doch schiefgehen: Von einem Song waren auf einmal alle Files nicht mehr auffindbar/abspielbar nachdem wir die Sample Rate am Anfang übersehen hatten. Seit dem habe ich ein besonderes Auge auf die Sample Rate.

Da du selbst auch Techniker bist, kannst du uns sagen, wieso man heutzutage noch ins Studio gehen sollte, wenn man theoretisch alles alleine machen kann?

Ein Studio verbinden viele mit High-End Equipment, toller Akustik und fancy Räumen. Das ist auch meistens der Fall, jedoch ist das nicht der Grund für einen Besuch im Studio. Ein Studio wird im Normalfall von einer Person betrieben und diese Person ist der eigentliche Grund, warum man dahin gehen sollte. Man arbeitet mit jemandem zusammen, der Erfahrung und Wissen hat von dem man direkt profitiert. Auch wenn es so wirken mag, dass wir alles DIY machen, muss ich an der Stelle sagen, dass wir nur das Recording gemacht haben. Unser Album wird von anderen Leuten gemischt und gemastert. Es sind also trotzdem noch professionelle Leute involviert.

Unsere Herangehensweise kann sehr cool sein um zu experimentieren, neue Erfahrungen zu sammeln und auch um einen etwas unüblichen Sound zu kreieren. Das kann aber auch nach hinten losgehen und zu Frust und Chaos führen. Man sollte sich daher vor jeder Schallaufzeichnung lange und detaillierte Gedanken machen.

Gibt es Dinge, die man nicht so einfach zu Hause machen kann?

Ich denke Drumrecordings sind zu Hause schwer zu realisieren, außer man wohnt am Land und hat keine umliegenden Nachbarn. Zusätzlich wird eine Menge an Equipment dafür benötigt und daher fehlt es vielleicht auch an technischer Flexibilität. Man kann aber zu Hause ein ganzes Album produzieren und mischen, es gibt genügend erfolgreiche Beispiele.