Randzonen: Ein Portrait von Rin & Jes

OLYMPUS DIGITAL CAMERA„Schattenkampf LP“ nennt das Lienzer Rap-Duo Rin & Jes sein Debüt über die gesamte Albumdistanz, das am 13.12. veröffentlicht wurde. Basierend auf dem gleichnamigen Buch von Christoph Zanon kartografieren die beiden darauf Randzonen der Außen- wie der Innenwelt. Von Martin Macho 

René Bacher und Ralph Rojko kennen Lienz seit 26 Jahren. Sie wurden in eine erlebnisarme, auf sich selbst bezogene Wirklichkeit hineingeboren, die den Blick vom hochgebirgigen Tellerrand hinaus in das Mögliche nur flüchtig wagt. Die Genügsamkeit des Ländlichen, Erscheinungsform eines tradierten Wertecodex, hatte hier über Generationen der räumlichen Abgeschnittenheit eine geistige zur Seite gestellt. Beileibe nichts für Klaustrophobiker wie René und Ralph. „Irgendwann kam der Tag/an dem ich anders zu denken begann“

Der Weg zum Rapduo

Seine Alltagsbeschreibungen dürften René zum Gottseibeiuns der hiesigen Tourismusverantwortlichen machen: „Der Alltag in Lienz ist ziemlich eintönig. Es gibt hier nicht viele Möglichkeiten: aufstehen, arbeiten, heimkommen, fernsehen. Am Wochenende geht man in die paar Kneipen, die es gibt.“ Schmissig klingt anders, doch war das ihr Geburtsrecht. Der musikalische Ausbruch aus der Monotonie bedeutete somit auch einen Rechtsbruch. Dennoch war er kurativ notwendig: „Durch Musik vergisst man viel um sich herum, du kannst vieles besser verarbeiten und dadurch abschließen. Sie ist wie eine Therapie.“

Im Rap fanden er und eine Gruppe gleichdenkender Jugendlicher vor etwa zehn Jahren das Ausdrucksmittel, dessen schonungslose Wortgewalt der regionalen Unbill den entlarvenden Spiegel vorhielt. Zu Beginn formierte sich eine ganze Rapcrew aus sechs Leuten, die jedoch im Laufe der Zeit aus den verschiedensten Gründen nach und nach kleiner wurde. Übrig blieben schließlich René und Ralph. Zum Duo herunterdezimiert, machten sie als Rin & Jes erstmals bei der Dolomitenmania 2011 auf sich aufmerksam. Der Bandcontest spülte die beiden über die öffentliche Wahrnehmungsschwelle und war der Auftakt einer für Osttirol beispiellosen Karriere. Im Februar 2012 erschien die EP „Wie Kann Man Das Nicht Hören…“, deren Feuerprobe der Auftritt beim Red Bull Dolomitenmann auf dem Lienzer Hauptplatz im September desselben Jahres war.

Schattenkampf

In diese Zeit fiel auch die Beschäftigung mit dem Buch „Schattenkampf“ des mittlerweile verstorbenen Lienzer Autors Christoph Zanon: „Gerhard Pirkner von dolomitenstadt.at (lokales Online-Magazin, Anm.), der das Buch neu aufgelegt hat, hat mich darauf gebracht. Mit sehr vielem, das Zanon darin beschreibt, konnte ich mich gleich identifizieren, weil es meinen persönlichen Erfahrungen entsprach“, sagt René über das Schlüsselerlebnis. „Schattenkampf“ behandelt in losen Texten die schwierige Auseinandersetzung des Einzelnen mit dem Begriff Heimat bzw. dessen Suche danach, die letztlich doch immer erfolglos bleibt. Zanon setzte seine Protagonisten nach Osttirol und schrieb damit den Wiedererkennungswert für René Bacher fest.

Die Produktion der „Schattenkampf LP“ nahm in der Folge ganze 18 Monate in Anspruch. Mit der Buchvorlage als maßgeblicher Referenz entstand im hauseigenen Studio eine Aufarbeitung des Eigenerlebten von bedrückender Offenheit, die in den Wiener t-on Tonstudios unter der Leitung von Peter Cebul soundästhetisch vollendet wurde. Rin & Jes verweigern sich den verniedlichenden Blättern, die sich übervorsichtige Kollegen vor den Mund zu nehmen pflegen. Soziale Missstände, Burn-Out, Depression durchwirken das Album bis in den letzten Oberton. „Es war uns einfach ein Anliegen, darüber zu reden. In Lienz und Osttirol allgemein sind diese Themen sehr groß geschrieben. Wir haben auch eine der höchsten Selbstmordraten hier.“

Formale Höchstleistung

Für die Beats der „Schattenkampf LP“ zeichnet René selbst verantwortlich. Satte Grundierungen, von diversen Gastmusikern mit einer Lasur aus einprägsamen Miniaturen instrumental überzogen. Die Credits für die streng durchkomponiert wirkenden Texte teilen sich Rin & Jes. Als wollte es die Eingekapselten sprachvirtuos aufrütteln, erbringt das Duo bereits beim Debüt eine erste formale Höchstleistung, versetzt es den dumpfen Heimatmief mit einem Odeur sublimer Assoziationsreihen ohne Punkt und Beistrich. Als ob hinter all der Knallhärte ein flehentliches „Horcht her, was alles möglich ist!“ stünde.

Spätestens von diesem Punkt aus wird klar, weshalb Rin & Jes bei der Wahl der Waffen auf den Rap deuten mussten: Rap meidet mieselsüchtiges Gegreine wie der Teufel das Weihwasser. Tränenverquollene Augen sind störend, denn sie trüben den Blick. Der Rapper weiß, dass die Kapitulation vor dem Schicksal selbiges besiegeln würde. „Ich hol´ mir was ich brauche/Schattenkämpfer bis zum Ende“ (aus „Schattenkampf“) sind Zeilen der expliziten Konfrontation. Da Rin & Jes aber in der Kunst des Möglichen weit vorne sind, halten sie immer dort zurück, wo es selbstzerstörerisch zu werden droht: „Schattenkampf ist der Kampf mit sich selbst. Jeder wirft einen Schatten, jeder hat eine dunkle Seite. Sie zu bekämpfen, bringt nichts. Sie zu akzeptieren, und die dahinter stehende Kraft in eine gute Richtung zu lenken, kann viel mehr bewirken.“

Austrorap und Anderes

„Manche Texte schreibe ich in einer Stunde, ohne eine Zeile auszustreichen. Andere bleiben ein halbes Jahr liegen, bis die Zeit dafür passt. Bei schweren Themen nimmt man sich schon die Zeit“, beschreibt René seinen freien modus operandi. Und: „Ständig habe ich Zeilen oder Reime im Kopf, die ich dann aufschreibe.“ Die Relevanz der Message rechtfertigt das von Rin & Jes selbst eingeführte Attribut „Austrorap“ allemal. Dieses wird man auch zukünftig heranzuziehen haben, wenn von Rin & Jes die Rede ist, denn in eine andere Musikrichtung zu gehen ist für beide ausgeschlossen.

Weniger genremonogam gibt sich René hinter den Reglern. Neben der Ausübung gilt sein Augenmerk nämlich auch der Produktion von Musik. Mit 99SOUNDS betreibt er in Lienz sein eigenes Musikstudio. „Da ich beim Aufnehmen keine Kompromisse mehr schließen wollte, habe ich mir einfach selbst einen geeigneten Raum gesucht und das Studio aufgebaut.“ Der Autodidakt möchte mit 99SOUNDS auch mit Künstlern aus anderen Bereichen der Musik zusammenarbeiten und ihr Material zum Leben erwecken. „Ich habe schon für Leute aus dem Metal oder Rock produziert. Mir ist nur wichtig, mich mit Musik zu beschäftigen. Letztendlich möchte ich damit schon meine Rechnungen bezahlen.“

 

1451487_660075850690880_109055003_n„Schattenkampf LP“ erschienen bei:

99SOUNDS (VÖ: 13.12.2013)

 

 

 

 

nächste Live-Termine:

18.01.2014 – Bergwerk Millstatt

14.03.2014 – Szene Wien

 

Im Web:

www.facebook.com/rinauslz

 

Titelfoto: © Norbert Kirnbauer

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