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Jo Stöckholzer lädt »Zum Lästern« ein

Der Singer-Songriter Jo Stöckholzer hat vor kurzem sein Album »Zum Lästern« vorgestellt. Diesen Anlass haben wir genutzt, um mit dem Künstler gemeinsam durch die Songs zu hören und über seine neue Musik zu plaudern.

von Patrick Tilg

Seitdem wir im Jahr 2019 die Single »Müde sein« besprochen haben, ist einiges passiert: Ibiza-Affäre, Pandemie, Querdenker*innen, unendlich viele Konzert Livestreams und 495 Tage. Für Jo Stöckholzer genügend Zeit, um seinen Sound komplett neu zu definieren und ein neues Album zu schreiben, aufzunehmen und selbst zu mixen. Ja, der Tiroler Singer/Songwriter macht tatsächlich fast alles selbst – hat den Tocotronic Smash Hit »Mach es nicht selbst« aus dem Jahr 2010, also nicht ganz ernst genommen.

Wir haben ihn getroffen und gefragt, warum er nicht mit anderen Musiker*innen zusammenarbeiten will und wie der Entstehungsprozess der neuen Platte so aussah. Die Platte – auch von ihm selbst entworfen – ist übrigens sehr schick geworden und darf in Zukunft, dank MNS-Coverart, als schönes popkulturelles Zeitdokument einer weltweiten Krise verstanden werden. In den Texten spielt die Pandemie zum Glück dennoch keine namhafte Rolle, auch wenn man »Alleine sein ist keine Tragik« durchaus in den aktuellen Kontext denken könnte.

„Als ich »10 vor 3« schrieb, begann ich einfach auf der Gitarre drauf los zu schrammeln und da sich das dann so gut angefühlt hat, dachte ich mir: ich mach jetzt einfach mal ein ganzes Album, wo der Vibe stimmt.“, erzählte uns Jo im Gespräch.  Der Vibe stimmt jedenfalls, denn das Album ist sehr eingängig und versprüht durchaus eine optimistische Energie. Auf die Frage hin, warum er sich trotz all der positiven Vibes für den Alleingang entschieden hat, meinte er:

„Ich war ganz froh, mal alles selbst zu machen und auszuprobieren, was alles geht – hab da einfach auch extrem viel dazu gelernt. Aber für manche Stellen hab ich mir dann doch Unterstützung gesucht. Interessanterweise auch beim Titel »10 vor 3«, dort spielt mein langjähriger Live-Keyboarder Dorian Windegger das Solo am Synthesizer, Jasmin Franceschini von helianth hat die zweite Stimme gesungen und der Bass kommt bei dem Song von Fabian Schuler, dem Bassisten meiner Live-Band.“

Dass bei den anderen Songs weniger Personen beteiligt sind, hört man den Songs jedenfalls nicht an, denn sie sind voll mit Soundspielereien und klingen zum größten Teil auch nach voller Bandbesetzung. Alleine sein, kann also durchaus auch ein Lernprozess sein, ein Ausloten der eigenen Grenzen oder wie Jo es sagen würde: »Alleine sein ist keine Tragik«.

Spannend ist auch zu beobachten, dass Jo einen guten Fühler für aktuelle Klangästhetiken hat, denn die neue Doppel-Nummer von Bilderbuch bewegt sich da in einem ganz ähnlichen Sound Universum. Aber bevor wir uns nun weitere Referenzen aus den Fingern ziehen …

„Als der Schreibprozess des Albums begonnen hat, war ich gerade in einer Phase, in der ich Surf- und Indie-Musik ziemlich gefeiert und Bands wie Alvvays, Hockey Dad oder Skekks lieben gelernt hab. Aber so wirklich daran orientiert eher nicht. Was sich allerdings durch das ganze Album durchzieht ist der „krasse“ Bass. Man hört oft nur nicht, dass es ein Bass ist und nimmt ihn als E-Gitarren, Streicher oder Synthesizer wahr. Ich hab da einfach ganz viele Effekte draufgeklatscht, bis es irgendwie sehr eigen war.“

Die Inspiration kommt also eher von internationalen Künstler*innen und das hört man durchaus auch etwas heraus. Der Multiinstrumentalist produziert in seinem Homestudio übrigens auch andere Künstler*innen, macht Remixes und betreibt das Label unserallereins. Das dritte Album von Jo ist auch auf seinem Label erschienen. Zu jedem Song gibt es übrigens auch GIF-artige Bewegtbilder mit kleinen Animationen.

Inhaltlich geht es oft um Zwischenmenschlichkeit und das Singledasein. Aber auch Sprachbarrieren zwischen verschiedenen deutschsprachigen Regionen werden thematisiert, wie etwa im Song »Geht sich aus«. Jo reflektiert seine eigenen Gedanken, präsentiert sie den Hörer*innen ganz unverblümt und kippt dabei nicht in pseudo-intellektuelle Phrasen hinein. Ganz im Gegenteil, er hinterfragt seine eigenen Gedanken, wenn er singt: „Ziemlich bescheuert diese Gedanken, die ich mir gemacht hab“. (»Schlimmste Nacht des Tages«) Das Album wird vom sehr persönlichen Song »Beziehungsstatus« abgerundet, der verpackt in einer letzten Fülle von bunten Soundeffekten eine neue Phase für den Singer-Songwriter einleitet. „Ja genau, das Album spielt den Zyklus des Singleseins durch und schließt mit dem Lied ab, mit dem ich meine Freundin gefragt hab, ob sie mit mir zusammen sein will.“

Das Lästern überlassen wir also lieber, den eingangs erwähnten Querdenker*innen, in ihren Kommentarspalten im Netz, denn mit »Zum Lästern« ist dem Musiker ein sehr schlüssiges und trotzdem nicht einfältiges Pop-Album mit Ecken, Kanten und Wortwitz gelungen.

Fotos: (c) Bernhard Kapelari

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