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Wolfgang Kanduth

Unser letzter »Drummer des Monats« in diesem Jahr ist niemand geringerer als Wolfgang Kanduth. Er gibt den Beat bei Bands wie den Incredible Staggers, Antimaniax oder Kahlenberg an und ist Kopf der Band Candy Beat Camp – also auch an den Vocals und der Gitarre lange kein unbekanntes Gesicht mehr. Wir haben uns über seine Kindheit, Eishockey, Rock n‘ Roll, italienische Liebesbriefe und österreichische Musik unterhalten. 
von Patrick Tilg

Lieber Wolfgang, du spielst ja nicht nur Schlagzeug, sondern du singst auch und spielst Gitarre. Wie kam es dazu - war dir ein Instrument zu wenig oder findest du es einfach spannender Musik aus verschiedenen Positionen bzw. Perspektiven zu spielen und zu betrachten?

Lieber Patrick! Vielen Dank für deine Einladung zu diesem Interview und die DdM Nominierung! Ursprünglich begann ich als Sänger, in der Schulband, als ich ins Gymnasium kam. Zeitgleich habe ich mit Gitarre angefangen, nach den ersten Stunden aber doch das Schlagzeug am spannendsten gefunden. Das war in der Saison 1993/1994. Gitarre habe ich mir dann nebenher weiter beigebracht, um meine Songs schreiben zu können, und mit meinen Schulkollegen eine Band gegründet, um die zu spielen. Dass es ein Vorteil ist, mehrere Positionen bzw Instrumente zu verstehen, machte sich spätestens dann bemerkbar, als wir anfingen, bei den Proben die Instrumente zu wechseln. Und Spaß macht alles, sobald man’s halbwegs beherrscht, wir waren ja noch keine 14 und schon übermotivierte Punks!

Hattest du in deiner Kindheit ein so musikalisches Umfeld oder wie kam es zur Berührung mit so viel Musik?

Ich habe schon als Kind gerne gesungen, hauptsächlich um meine Tanten zu beeindrucken, komme aber aus einer Familie mit eher sportlichem Hintergrund. Später gab’s in meinem Freundeskreis ältere, die schon 16 waren und eine Band hatten. Ich kam regelmäßig bei den Proben vorbei und hörte zu. So kam ich zur Musik, denn ich hab gecheckt: 3 Akkorde, 1-2-3-4 Backbeat und fertig. Musik war komplett greifbar und ein enormes Ventil. Ich konnte gar nicht aufhören, zu üben und Beats und Akkordfolgen auszuprobieren. Ich war jeden Tag stundenlang am Drummen. Irgendwann hat mir mein Onkel einen Sommer lang einen Jazzlehrer geschickt, der mir dann Basics beigebracht hat. Das war eigentlich der einzige Unterricht an einem Instrument. Man bedenke, ich war damals im Nachwuchs des KAC und mein Ziel noch, Eishockeyprofi zu werden. 1997 war der Traum aber zu Ende. Ab dann nahm ich die Musik richtig ernst.

Wo liegt für dich der größte Unterschied zwischen dem Schlagzeug und der Gitarre? Denn wenn man nicht gerade die Rhythmusgitarre durchschrammelt, haben die beiden Instrumente ja doch eher Grundverschiedene Rollen bei Songs.

Mich fragen immer wieder Leute „was taugt dir mehr, Drums oder Gitarre?“ und darauf habe ich leider keine klare Antwort – der größte Unterschied ist für mich aber: am Schlagzeug bist du der Puls, die Zeit selbst! Ab dem Zeitpunkt, an dem du einzählst, beginnt eine Zeitreise. An der Gitarre bist du dann Passagier. Der Drummer führt die gesamte Band und muss für einen komplikationsfreien Flug sorgen. Mit dem Bass das Fundament stellen, mit der Gitarre die Akzente bringen und dem Song die Dramaturgie geben. Die Band muss dir dabei bedingungslos vertrauen. Für mich war es immer die größte Ehre, von so vielen großartigen Musikern und Produzenten dieses Vertrauen zu bekommen. Ich liebe Drums. Alles daran. Sticks und Trommeln, Becken und Pedale, Rhythmus und Tonalität, Power und Eleganz. Jede/r Drummer/in hat einen ganz eigenen Zugang und Stil, ich bin immer wieder begeistert. An der Gitarre liebe ich auch sehr vieles: Verarbeitung, Variantenreichtum, Sound – und ihre kulturelle Bedeutung selbstverständlich. Wie der Gitarrist der Staggers, Thomas Los Fixos, sagt: „da ist alles drauf, von Abba bis Zappa.“ Top Zitat. Mit meinen Instrumenten lebe ich definitiv in einer Art Polygamie.

Wenn du es dir dennoch aussuchen müsstest, für welches Instrument würdest du dich entscheiden?

Klavier.

Du hast laut Facebook Literatur studiert? Also hast du alle Instrumente autodidakt gelernt?

Du wirst es nicht glauben, aber nein, ich lerne immer noch! Literatur habe ich hingegen abgeschlossen.

Schreibst du außer Songtexte denn noch andere Texte oder hast du die Literaturwelt in Graz zurückgelassen?

Hin und wieder mal ein Posting auf LinkedIn. Und Liebesbriefe auf Italienisch.

Sehr schön - dann hören wir vielleicht bald die italienischen Liebesbriefe mit Klavierbegleitung! Du bist in verschiedensten Rollen in diverse musikalische Projekte verwickelt. Was passiert bei dir aktuell - mal vom Lockdown abgesehen … Probst du montags mit den Clashinistas, spielst am Dienstag die Gitarre für die neue :aexattack Single ein, triffst dich mittwochs mit den Staggers, freitags schreibst du am Candy Beat Camp Album weiter und das Wochenende ist für Kahlenberg reserviert? Oder legst du deinen Fokus zurzeit auf ein-zwei Hauptprojekte.

So läuft das irgendwie tatsächlich, normalerweise, seit März ist aber alles anders. Davor war mein Jahr gut durchgeplant mit allen Projekten. Die letzten Monate haben wir alle individuell weitergearbeitet. Ich habe dafür mein Wohnzimmer zu einem Home-Studio umfunktioniert. Seit ich mich vom Tourleben verabschiedet habe, spielt sich mein Wirkungsbereich ohnehin mehr im Studio ab. 2019 habe ich 3 Alben rausgebracht und vielleicht grad mal 30 Konzerte gespielt. Mittlerweile bin ich ja quasi sowas wie ein Playing Coach. Ich versuche, mich in meinen Projekten mit meiner Erfahrung einzubringen. Ich glaube, auch deshalb haben mich so viele Künstler/innen gerne im Team.

Welche aktuellen österreichischen Künstler*innen findest du besonders spannend und warum?

Da gibt’s so vieles, schwer, das auszusortieren. Ich sag jetzt TRUVER! Drei junge Leute, die demnächst ihre erste EP bringen. Super Songwriting, Sound, Spirit. SAKURA find ich cool, haben mit Thomas Gieferl auch einen großartigen Drummer! MANIC YOUTH finden sich gerade richtig gut in ihrem Sound zurecht. Es kommen auch wieder Releases von DEE CRACKS und ROTE AUGEN, von denen ich mich immer freue, was Neues zu hören.

Was würdest du jungen musikschaffenden Leuten mit auf den Weg geben?

Findet etwas, das euch für immer jung bleiben lässt!

Dein Lieblings-Drumgroove?

Ich liebe den Drumgroove von „When I Come Around“ von Green Day, weil es so ein musikgeschichtlich cleveres Zitat von Bonzo dem Großen ist (Led Zeppelin).

Findest du das Schlagzeug sollte Songs vor allem vorantreiben und einen Puls geben oder kann und darf das Schlagzeug auch etwas erzählen?

Ich halte mich selbst für einen musikalischen, Song-orientierten Drummer. Ich geh stark auf den Song ein und setze gern bei den Hooks an. Ich finde es total wichtig, dass ein Drummer das Songwriting und die Produktion sehr gut versteht, denn die Drums prägen das Resultat ganz entscheidend. Wenn man im Prozess experimentiert, erkennt man inwiefern es was bringt, mit der Dynamik zu spielen oder einfach klar den Beat zu fahren. Das ist meistens eine Entscheidung, die dann aus philosophischen Gründen fällt, denn es ist zu subjektiv, um belegen zu können, was das Richtige ist.

Welches Album oder welchen Song findest du aufgrund seines Drumsounds unübertrefflich?

Wenn du dir „Steady As She Goes” auf Vinyl mal richtig aufdrehst, pflückt‘s dich aus der Poltrona, Alter. Das klingt so fett, als würdest du selbst direkt hinterm Zeugl sitzen.

Du bist ja eindeutig der Gitarrenmusik und dem Rock n‘ Roll zuzuschreiben, gibt es auch elektronische Musik, die dich fasziniert?

Rock’n’Roll ist ja ein Lebensgefühl. Eine Lifestyle-Religion. Das geht heutzutage überall, auch mit Elektro. Alles und jede/r will R’n’R sein. Erst letztens war‘s im Tonstudio wieder so, dass aus der Regie nebenan fetter Techno und der Megaspaß zu hören war, und wir haben uns über winzige Details von einem Riff gestritten, haha. R’n’R verkauft sich ja über Lässigkeit, aber es ist halt harte Arbeit, die sich belohnt macht. Faszinierend find ich aber kaum was an Elektro – es ist mir einfach zu sauber.

Zurzeit gibt es ja nur wenige Live-Shows, aber stehst du generell lieber auf der Bühne oder in Studios und Proberäumen?

Beliebtheit in der Reihenfolge: Bühne, Studio, Proberaum. Realität so: Proberaum, Bühne, Studio. Im Studio zu drummen ist natürlich am besten, denn nirgends klingt‘s besser! Da bin ich oft richtig traurig wenn’s vorbei ist, hehe. Im Proberaum arbeitet man aber am intensivsten und auf der Bühne muss schon alles perfekt gelernt sein und da kannst du dein Handwerk selbst richtig genießen. Heuer hat’s leider kaum was zum Genießen gegeben. Außer unseren Gig mit Kahlenberg am Wiener Riesenrad, das war völlig verrückt und wieder eine neue Erfahrung.

(Hier gibt es den Kahlenberg Gig am Riesenrad zu sehen)

Gehörst du zu denjenigen, die aus der Krise möglichst viel Kreativität schöpfen und ohne Ende schreiben und produzieren oder hast du die Arbeit eher runtergefahren?

Ich hab in der Ruhezeit gemerkt, wie viel noch in mir steckt, und tatsächlich ohne Ende geschrieben. Ich kann gut mit Langeweile, weil mir mit Instrumenten einfach nie langweilig wird. Und Output habe ich genug. Dazu hab ich in der Zeit mit meinen alten Freunden SPRINGY PINESTIX unser 20-Jahre Jubiläum gefeiert, mit KAHLENBERG ein neues Album (mit Paul Gallister) aufgenommen, neues CANDY BEAT CAMP Zeugs geschrieben und produziert (mit Axl Truschner), massig Ideen und Tracks mit TRAUMA CENTRUM SÜD (die Hockey Band mit meinem Bruder Mike Dee Crackus) und jede Menge Jams mit Dominic Zimmel im Konsoleum Sound getracked. Auch das nächste :AEXATTACK Album ist mittlerweile gemastered. Generell wird auf SISSI Records einiges Großartiges aus der Zeit jetzt rauskommen. Auch mit den ANTIMANIAX und THE INCREDIBLE STAGGERS gibt’s wieder Pläne. Achja, und ein Tom Petty Cover haben wir auch rausgehauen. Den langjährigen Traum von mir, meinem Bruder und James Choice wollen wir demnächst obendrein realisieren: die Weezer Cover Band Bezzer Weezer. Also auch für Blödsinn ist Zeit.

(Hier geht es zum Tom Petty Cover)

Die Adventzeit steht vor der Tür, hast du schon mal einen Weihnachtssong geschrieben oder bei einem Mitgewirkt? Falls nicht, gibt es einen (Weihnachts)song, den du uns für das letzte Monat des etwas eigenwilligen Jahres 2020 mit auf den Weg geben willst?

Ich kann mit der Adventszeit original genau nichts anfangen. Aber einen Song geb ich euch für die Besinnung gerne mit: „Super Spreader“ von Fear No Empire.

 

Fotos: Matthias Heschl (Titel), Chris Wisser (Sidebar)

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