Im Gespräch mit: Elena Shirin

Kurz bevor die Musikerin im Juli als Support von Alice Poebe Lou am poolbar Festival aufgetreten ist, haben wir sie im Wiener Kultcafé Kafka zum Gespräch getroffen. Dabei hat sie uns von ihrer spannenden Zeit in den U.S.A., ihrem nächsten Musikvideo und dem Oszillieren zwischen verschiedenen Rollen erzählt.
Von Patrick Tilg

Kannst du uns kurz erzählen, wie du zur Musik gekommen bist?
Eigentlich hatte ich nie vor Sängerin zu werden. Habe immer gesagt: Wer das machen möchte, schön, ich höre sehr gerne zu, aber es kam anfangs nicht wirklich in Frage selbst Musik zu machen. Geliebt habe ich sie aber schon immer. Meine Mama hat mir Einblick in extrem verschiedene Musikwelten gegeben. Von französischen Chansons, über persische Volksmusik, bis hin zu Pionieren der elektronischen Musik, wie Bonobo oder Kruder&Dorfmeister. Also wirklich quer durch.

Aber spielt deine Mutter selbst auch ein Instrument?
Sie hat als Kind Geige gespielt, aber sonst eigentlich nicht wirklich. Also wenn es wen gibt, von dem ich das Musikalische habe, dann ist es eher mein Opa – der war auch immer Autodidakt. Zum sechsten Geburtstag hat mir meine Mama ein kleines Keyboard geschenkt, einfach damit ich das mal entdecken kann. Und dann habe ich glaube ich ein ganzes Jahr nur das Gerät erforscht. Also schwarze Tasten, weiße Tasten. Das war wirklich eine Annäherung ohne irgendwelche theoretischen Vorkenntnisse. Da habe ich dann vermutlich schon mein Gehör entwickelt und dann auch bald angefangen Songs, die ich gerne mochte, am Keyboard nachzuspielen. Aber ganz ohne Zwang und Ziel, einfach nur spielerisch. Dann habe ich aber doch mit einem klassischen Unterricht begonnen und Noten gelernt, auch wenn ich davon nie etwas wissen wollte. Viel lieber habe ich es einfach nachgespielt.

Also dann doch der klassische Weg. Wann hast du dann mit eigenen Songs begonnen?
Mit zwölf habe ich begonnen Gedichte zu schreiben. Vor allem um – wenn damals auch unbewusst – ein Ereignis besser zu verarbeiten. Das war quasi wie ein Outlet, ich habe einfach probiert meine Erfahrungen und Sensations niederzuschreiben. Es war auch eine Art Festhalten von Erinnerungen, vor allem daran, wie ich nach bestimmten Erlebnissen wieder zu mir selbst finden konnte. Und schon bald hat sich dann in Songwriting verwandelt, da ich begonnen habe, die Zeilen melodisch zu singen. Oft war ich statt in der Schule im Kaffeehaus, wie hier im Kafka, um dort meine Songideen niederzuschreiben.

Und die musikalische Begleitung kam damals noch immer vom Keyboard oder womit hast du die Musik geschrieben?
Genau ja, ich habe einfach mit den paar Grundakkorden, die ich bereits kannte, die Begleitung dazu geschrieben. Das ist auch ein Grund, warum mein erstes Soloalbum »FROM A TO BE« so vielseitig und uneinordenbar ist. Vom Walzer bis zum Hip-Hop und auch etwas elektronischere Parts, alles ist dabei. Eine Auswahl an Songs, die ich zwischen 12-22 geschrieben habe – die musste ich einfach rausbringen, um Platz für neue Musik zu schaffen. Deshalb wurde »FROM A TO BE« schließlich so vielseitig.
Dann habe ich viel in Bands gespielt und mir das Gitarrenspielen selbst beigebracht. Ich hatte auch Klavierunterricht bis 13, aber die meisten Lehrenden waren sehr auf Klassik fokussiert. Ich hab bald gemerkt, dass klassische Musik nicht das ist, was ich verfolgen möchte und habe dann einfach viel aus Pop-Songs rausgehört und nachgespielt.

Und dann hast du Gesang studiert?
Nein, ich habe Fotografie an der Grafischen in Wien gelernt und danach kurz in die Musikwissenschaft geschnuppert. Anschließend habe ich an der Brucker-Uni in Linz Computermusik und Medienkomposition studiert. Dort habe ich auch das Interesse an der multimedialen Kunst entdeckt – also beispielsweise, wie man verschiedene Medien miteinander kommunizieren lassen kann. Dieses Wissen habe ich dann auch in Musikvideos eingebaut. Ein sehr wichtiger Aspekt meines musikalischen und performativen Denkens ist es auch neue Technologien und Medien zu verwenden, um neue Möglichkeiten zu schaffen.

Das heißt deine Musikvideos entstehen auch unter Eigenregie und -produktion?
Ja genau, beim letzten Dreh habe ich bis auf Kamera und Tanzchoreografie sämtliche Rollen selbst besetzt. Das war natürlich eine extrem intensive Woche. Ich finde einfach spannend, wie man sich so auf verschiedenen Ebenen bzw. in verschiedenen Medien ausdrücken kann.

Was erwartet uns dann im nächsten Musikvideo?
Es ist ein Video zu einem Song vom »A to B« Album – »Breaking in my own Zoo«. Ein Song, den ich geschrieben hab, als ich gerade in San Francisco war. Ein relativ neuer Song von mir. Wollte ihn schon lange mit Musikvideo veröffentlichen, aber Covid hat das ganze leider etwas verzögert. Jetzt, wo ich wieder an einem Ort fix bin, ist endlich wieder Zeit für solche Projekte.

Das heißt du bleibst jetzt erstmal in Wien?
Genau, ich bleibe jetzt erstmal da. Weiß zwar noch nicht genau wie lange, aber sicher 2, 3 Jahre.

Und wie lange warst du jetzt in den Staaten?
Zweieinhalb Jahre. Die Liebe hat mich damals, nach einer längeren Fernbeziehung doch noch hinübergezogen. Hätte zuvor nie in Betracht gezogen in den U.S.A. zu leben. Wir waren dort dann viel gemeinsam auf Tour, wo ich extrem viele heftige und wertvolle Momente erleben dürfte. Zum Beispiel weiß ich jetzt, was es heißt, wenn man 26 Shows in einem Monat durchdrücken muss. Was das mit dir macht und wie man es schafft, da trotzdem die Balance zu finden. Ich habe mir Tools überlegen müssen, wie ich es schaffe jeden Abend die Songs möglichst authentisch und voller Energie rüber zu bringen.

Das klingt nach einer spannenden Zeit und die neue EP, die bald erscheinen wird, ist die dann unterwegs auf Tour entstanden?
Nein, die ist tatsächlich erst nachher, während der Covid-Zeit entstanden. Unterwegs war leider nicht wirklich Zeit an neuen Songs zu arbeiten.

Und wie unterschied sich dein musikalisches Schaffen in Santa Cruz von jenem in Wien? Also inwiefern hat das dein Schreiben verändert?
Das Umfeld, in dem ich mich in den Staaten bewegt habe, war ein sehr poppiges. Ganz im Gegenteil zu meiner Szene in Wien. Als ich vor kurzem in Wien ein Konzert von Freunden besucht habe, hätte ich fast begonnen zu weinen, da ich diese Tiefe in der Musik drüben sehr vermisst habe. Wenn man der Musik anhört, wie viel Geschichte und Kultur darin steckt und sie nicht einfach nur produziert wurde, um im Radio zu laufen, ist das schon etwas unglaublich Schönes. In Nordamerika habe ich dafür einen ganz anderen Bezug zu Business und Geld bekommen. Es ist schon auch sehr wichtig, als Künstler*in zu verstehen, wie man sich selbst vermarktet. Dann fällt es sowohl den Artists selbst, als auch dem professionellen Umfeld leichter – wenn quasi alle vom selben sprechen, auf demselben Level sind.
In Kalifornien ist die Surf-, Reggae-, sagen wir mal Chill-Musikszene sehr groß. Das hat mich auf der musikalischen Seite schon auch etwas inspiriert. Ich finde einfach alle verschiedenen Musikstile so spannend und will sie in meiner eigenen Musik verarbeiten.

Du hast gerade von der „Tiefe“ gesprochen, die du im Mainstream-Pop manchmal vermisst. Welche Rolle spielt Spiritualität in deiner Musik?
Der Grund, warum ich begonnen habe Musik zu schreiben, war eigentlich der, dass ich mir selbst habe helfen müssen, um einen Vorfall zu verarbeiten. Da ich mich sonst selbst vielleicht verloren hätte. Deshalb hat Musik für mich immer etwas mit einem gewissen Spirit zu tun. Denkt beispielsweise an den Trance-artigen Zustand, der bei guten Jams entstehen kann. Ob man das dann Flow oder Spiritualität nennt – für mich ist Musik jedenfalls ein Seelenakt.

Im Video zu »Landscapes« verwandelst du dich von einer sehr naturverbundenen Frau zu einer Art Industrial-Raverin, ganz grob beschrieben – welche von den beiden Rollen passt besser zu deinen neuen Songs, mit welcher identifizierst du dich zurzeit eher?
Die Bedeutung hinter dem Musikvideo und hinter der Verwandlung hat eine sehr lange Geschichte. Kurz gesagt geht es einfach darum, dass ich mich endlich traue, mich in meinem Körper wohlzufühlen und mein Ding zu machen bzw. meine eigenen Stärken zu nutzen. Schließlich ist niemand immer auf 100 Prozent und voller Power. Vielmehr muss man diese, zum Teil auch schlechten, Erfahrungen sammeln, die diese ganzen Versionen von dir selbst auf die Reise schicken, um schließlich wieder die eigene Mitte zu finden. Also werden beide Figuren immer Teil von mir sein. Momentan fühle ich mich allerdings eher in der Letzteren, also in der blonden, verrückten Rolle wieder.
Das zeigt sich auch in meiner Musik. Ich bin vor einiger Zeit draufgekommen, dass es für mich extrem wichtig ist, dass man zur Musik tanzen kann. Musik und Tanz gehören einfach zusammen. Wenn man bei eigenen Konzerten selbst tanzen kann und dann das Publikum auch noch beginnt zu tanzen – das sind die genialsten Momente.

Wer sind deine größten musikalischen Einflüsse? Man kann ja einige Referenzen erkennen von Soul und Neo-Soul Künstler*innen, wie etwa Emi Secrest bis hin zu Art-Pop Artists, wie Björk.
In den letzten drei, vier Jahren habe ich eine extreme Liebe zu House-Musik entwickelt, vor allem zu Tribal House. Das ist eine Spielart, die die Musik von alten Kulturen mit elektronischen Sounds verbindet.
Und bei den Artists – Erykah Badu fühlt sich an wie eine Mama, aber auch Feist und Björk sind ganz oben auf meiner Liste. Oder wie oben schon erwähnt Elektro-Acts, wie Bonobo, Kruder&Dorfmeister, DJ Shadow, Burial. Also wirklich sehr sehr viel… Woodkid mag ich auch sehr.

Was steht bei dir in nächster Zeit so an?
Ich will versuchen mein musikalisches Netzwerk noch weiter auszubauen. Meine Booking-Agency hilft mir dabei auch sehr. Außerdem habe ich eine neue EP in den Startlöchern, die bald erscheinen wird.
Am 3. Oktober spiele ich mit vielen tollen Special Guests im supersense in der Praterstraße 70 und am 26.November im Club 1090, beides in Wien.

Dann sehen wir uns dort danke für das spannende Interview!

 

Foto: Wenzl McGowen