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Backstage. Abseits des Rampenlichts – mit Paulina Parvanov. Teil II

Im zweiten Teil von »Backstage. Abseits des Rampenlichts« mit Paulina Parvanov erfahren wir unter anderem, wie ein Arbeitstag bei einer Musikagentur aussieht, welche Aufgaben in den nächsten Jahren auf die Musikwirtschaft zukommen und wie die heimische Label-Landschaft aussieht.
von Patrick Tilg
Das komplette Interview könnt ihr hier wieder als Podcast nachhören:

Einen wirklichen Arbeitsalltag gibt es bei soda. mit himbeer nicht, sei es ein Bandmeeting sonntagnachmittags oder ein Musikvideodreh frühmorgens, Nine to Five-Tage hat Paulina nur selten. Da sie es aber sehr genießt, mit Musiker*innen zu arbeiten, sind die flexiblen Arbeitszeiten kein Problem für sie. „Man muss sich ab und zu halt auch mal bewusst Freizeit bzw. freie Tage nehmen“, so die Musikmanagerin.

Der spezielle Reiz im Musikbusiness liegt für sie bei der Beschäftigung mit kreativen Prozessen, da dort permanent Dinge geschehen, mit denen niemand wirklich rechnen würde. Außerdem liebt sie es zu kommunizieren, macht gerne Pläne oder Listen, und das Ganze eben am liebsten gemeinsam mit Künstler*innen. Ob während des Schaffensprozesses von neuen Werken oder rund um aktuelle Releases. Die Chance zu haben, für ihre Artists nachhaltig etwas zu verändern, ist für sie das Wichtigste an ihrer Arbeit. „Eine meiner Hauptmotivationen die Agentur überhaupt zu gründen, war die Erfahrung, die ich im Umfeld von Bands gemacht habe, dass Artists eben oft allein gelassen werden, ob in Fragen von richtiger Songplatzierungen oder Urheberrecht. Deshalb war es für mich ein Bedürfnis auch strukturell etwas zu verändern und mit den Leuten zu arbeiten, als für sie.“ Klar gebe es den wirtschaftlichen Aspekt, wo es darum geht, dass alle gut davon leben können, aber Musik sei eben mehr als das und gerade deshalb sollten die Bedingungen für alle Beteiligten besonders fair sein, denn ohne Künstler*innen keine Musik.

Ihre Musikagentur soda. mit himbeer gibt es seit Jänner 2020, viel Vorlaufzeit gab es vor dem ersten Lockdown demnach nicht mehr. Allerdings war es Paulinas Ansatz, den Kopf deshalb nicht gleich in den Sand zu stecken, sondern sich alternative Live-Konzertsituationen auszudenken. Denn schwierig sei es in der Branche so oder so – ganz egal, ob Pandemie oder nicht. Jedes Jahr verändern sich die Umstände für Artists und so muss auch die Musikwirtschaft fast jährlich an neuen Optionen feilen. Den Hauptfokus legten Paulina und ihre Künstler*innen, der Krise geschuldet, im letzten Jahr auf Studioproduktionen. Ob Schodls Debütalbum: „10 Jahre zu spät“, Lisa Schmids Wiener Lied »Venedig«, oder Schaller&Rauschs aktuelle Single »Neue Kleider«. Die Musiker*innen haben die Zeit ohne Konzerte alle genutzt, um an ihren Songs zu arbeiten. Deshalb sieht die Labelbetreiberin die Situation auch relativ entspannt und freut sich umso mehr, auf eine Zeit, in der die Acts endlich ihre neue Musik vor Publikum performen können.

Um sich vom bestehenden Markt abzuheben, versucht Paulina gemeinsam mit den Artists das je „individuelle Ding“ zu entwickeln. Dabei kommen Fragen auf wie: Muss die Band auf FM4 laufen oder spricht die Sängerin denn überhaupt das österreichische Publikum an? Die Kommunikation von Musik habe mittlerweile mehrere Ebenen als noch vor 20 Jahren. Offline Kommunikation sollte, so Paulina, allerdings wieder mehr in den Vordergrund rücken. Klar brauche es Medienpartner und Multiplikatoren, aber auch offline sollte man versuchen, die Kommunikation mit den Hörer*innen aufrecht zu halten. Aber auch online gebe es verschiedenste Möglichkeiten eine Fangemeinde aufzubauen und gerade weil es eben so viel Möglichkeiten gibt – vom DIY-Release bis zum DIY-Marketing – können hier in vielen Fällen professionelle Strukturen für zielführendere Wege sorgen. Immerhin sei die österreichische Indie-Label-Landschaft sehr divers und cool.

Auch die Musikberichterstattung könnte für die Musikmanagerin und Labelbetreiberin deutlich vielfältiger sein. Es gebe zwar sehr viele passionierte Musikredakteur*innen, aber gerade für österreichische Videoformate auf YouTube oder Podcasts über Indie-Musik wäre noch Luft nach oben. Außerdem würde sie sich über mutige neue Formate freuen und vor allem auch über österreichischen Musikjournalismus, der wieder etwas vom Pressetext-Copy+Paste weggeht und eigenständige Berichte hervorbringt.

Die größten Aufgaben der Musikwirtschaft in den kommenden Jahren sieht Paulina unter anderem in der strukturellen Förderung von Künstler*innen und kleinen Unternehmer*innen. Ganz egal ob Musiker*innen, Labelbetreiber*innen, Musikvideo-Produzent*innen oder Booker*innen. Außerdem wäre ein System für eine faire trackbasierte Radioabrechnung längst überfällig. Genauso verhält es sich für digitale Streamingdienste, neue Regelungen in Sachen Abrechnung seien längst überfällig. Und nicht zuletzt ist in nächster Zeit gegenseitiger Support, zwischen kleinen bis mittelgroßen Veranstalter*innen und den oben genannten Berufsfeldern, wichtiger als je zuvor.

Wir bedanken und für den zweiteiligen Einblick in Paulinas Arbeitswelt! Wer es noch genauer wissen will findet das komplette Interview als Podcast auf allen gängigen Podcast-Streamingdiensten.

 


Foto: Yuki Gaderer