Too big to fail: Gin Ga im Interview

pressefoto_2_(c)PetraBenovsky_grAm 08. November erschien mit „YES/NO“ der zweite Longplayer der Wiener Alternative-Band Gin Ga. Gestischer Synthie-Rock, dem man bei einer artifiziellen Zuspitzung der großen Entscheidungen hin auf ein formgebendes „Ja oder Nein“ gerne zuhört. Ein Album, das um etliche (Musik-)Nummern zu groß ist, um zu versagen. Backbeat durfte die vier Bandmitglieder zum Interview treffen. Von Martin Macho                                                                    

Was steckt hinter dem ambivalenten Albumtitel „YES/NO“?

Alex Konrad: Der gesamte Albumprozess und das, was während der Produktion in unseren eigenen Leben jeweils passiert ist, fließt in den Titel mit ein. Dahinter steht die Entscheidung, ob man etwas ganz oder gar nicht macht. Ambivalent ist ein gutes Wort, weil in den meisten Liedern zwei Szenarien miteinander verbunden werden.

Matias Meno: Wobei auch in der Musik Kontrast ein sehr zentrales Thema ist. Zum Beispiel die Kombination von harten Beats mit darüber gelegten Geigen oder Synthie-Sounds.

Klemens Wihlidal: Dazu kommt die Auswahl an Liedern, die man dann im Studio aufnimmt. Der Mut, auch Nein zu Ideen zu sagen, die zwar sehr gut, aber vielleicht nicht ganz am Punkt sind.

Wie kann man sich die Arbeit im Studio dann vorstellen?

Klemens: Wir waren da lang im kreativen Leo, wo alles möglich ist. Wichtig ist, bei solchen kreativen Ausflügen auch wieder auf den Boden zurück zu kommen. Ein paar Nummern auf dem Album waren im Prozess schon komplett anders arrangiert. Da kommt es dann wieder auf die Entscheidungen an, es so oder so zu machen.

Alex: Wir hatten auch kein fertiges Songmaterial, als wir ins Studio gekommen sind. Deshalb war schon ein gewisser Druck da, auch von außen.

Matias: Die Arbeitsweise war dabei wie bei Hip Hop-Produktionen, ziemlich minimalistisch. Das heißt die Drum-Beats sind wie beim Hip Hop sehr pointiert eingesetzt, da wo es unserer Einschätzung nach zur Akzentuierung gut dazu gepasst hat. Das hat sich teilweise als wahnsinnig schwer herausgestellt, weil das Ausgangsmaterial in sich stimmig sein muss. Das sind dann oft Kleinigkeiten. Die genaue Ausarbeitung musste in die Richtung gehen, dass es uns live Spaß macht die Songs zu spielen, aber trotzdem noch auf dieser minimalistischen Ebene funktioniert.

Alex: Ästhetisch betrachtet war es unsere Intention, aus mehr weniger zu machen. Jeder Part ist zwar minimal, gleichzeitig aber wahnsinnig wichtig für das Ganze. Ich spiele die Gitarre zum Beispiel ja wirklich fast nur auf der E-Saite, auch die Drums sind sehr einfach gehalten. Wenn wenig Information da ist, ist viel mehr Platz für das, was als Ganzes passiert.

Wie verhält es sich da mit den Lyrics?

Alex: Die Lyrics stammen von mir. Ich hab´ da eine lange Liste an Lines bzw. Textfetzen, die ich in irgendwelchen Fernsehserien, Radiosendungen, Werbungen oder Zeitungsartikeln aufgeschnappt habe. Zum Beispiel wollte ich die Phrase „too big to fail“ irgendwo reinbringen. Um solche Bruchstücke bastle ich dann etwas drum herum. Zuerst ist immer eine Behauptung da, die für sich alleine vielleicht zu klischeehaft wäre. Das klassische Storytelling zu einem bestimmten Problem interessiert mich eigentlich gar nicht. Die Texte habe ich teilweise zu selbst gebastelten Hip Hop-Beats verfasst. Nur indem ich aufgeschrieben habe, was mir spontan dazu eingefallen ist. Ich pflege da eine Art Fantasie-Englisch, das aber hinterher oft passt, wie die Faust aufs Aug´. Das kommt einfach irgendwoher.

Was macht eurer Einschätzung nach einen guten Song aus?

Alex: Jedes Lied will etwas, und jedes Lied entwickelt eine besondere Eigendynamik. Mir persönlich ist der melodische Aspekt unglaublich wichtig, und auch die Übertreibung, das Sich-der-Musik-hingeben.

Matias: Ich glaub´ ein Song ist dann gut, wenn die Art von Energie bzw. die Absicht, die hinter dem Lied steht, auch rüberkommt.

Emanuel Donner: Ein gutes Lied lebt sicher auch von der Situation, in der sich der Hörer gerade befindet. Es ist ein Unterschied, ob ich beispielsweise zur Musik tanzen will, oder durch den Song ein ganz bestimmtes Gefühl erzeugen bzw. verstärken möchte.

Klemens: Ich beneide immer die Songwriter, die etwas ganz einfaches machen, das dich aber sofort anspricht und dann ganz groß dasteht. Einen Song, der mit minimalen Mitteln das Maximale an Resonanz erzeugen kann.

Täuscht der Eindruck den ich bei euren Videos gewonnen habe, dass euch das visuelle Element, eine gewisse Theatralik, sehr wichtig ist?

Alex: Videos sind uns sehr wichtig. Wir machen alles selbst, da wollten wir das Handgemachte auch herzeigen. Wie das Tanzvideo zur neuen Single „Dancer“, oder die Kuscheltiere bei „They Should Have Told Us“ (vom gleichnamigen Debütalbum aus 2008, Anm.). Es geht – zumindest für mich – darum, dass man eine Übertreibung findet, die einem Spaß macht. Bei allem was man macht. Sich nur vor die Kamera zu stellen und den Text aufzusagen, interessiert mich nicht. Der Übertreibung gerecht zu werden, ist dann die Herausforderung.

Matias: Die Art, wie die Videos gestaltet wurden, ermöglicht uns auch eine menschliche Seite zu offenbaren. Nicht nur wir mit Instrumenten, wie eine Front, eine Fassade. Ich denke, so bringen die Videos uns und unsere Persönlichkeiten den Fans schon näher.

Kann es sein, dass die Musik dadurch an Kraft verliert?

Emanuel: Nein, es ist das Prinzip von einem Musikvideo, dass Musik und Bild sich quasi gegenseitig unterstützen. Eine Verknüpfung entsteht, das Video kann nur durch die Musik wirken.

War es für euch nie eine Option, deutsch zu singen?

Alex: Die Musiker, die mich geprägt haben, haben alle englisch gesungen. Tom Waits, Radiohead, Nirvana. Davor Guns N´ Roses, auch Queen oder Bruce Springsteen. Deswegen hab ich das eigentlich nie hinterfragt. Ich wüsste auch keinen Grund, warum ich das machen sollte. Wenn ich deutsch singen würde, würde ich die Musik wahrscheinlich auch anders aufziehen. Natürlich kommt der praktische Aspekt dazu – Englisch ist einfach eine internationale Sprache, damit ist auch der Markt nicht so begrenzt.

Emanuel: Wie man so schön sagt, ist die Musik für sich ja eine internationale Sprache. Deshalb war es nahe liegend, auch bei den Texten die Sprache zu wählen, in der man von den meisten Menschen verstanden wird.

Erlebt ihr die Beziehung zwischen Künstler und Markt als Spannungsfeld, in dem man Zugeständnisse machen muss, um zu überleben?

Alex: Dadurch, dass ich die Musik zu meinem Mittelpunkt erklärt habe, ich immer mit der Band oder alleine unterwegs war, verspürt man mit der Zeit natürlich einen Druck. Notwendig ist die permanente Präsenz, jetzt vor allem durch Social Media. Ich finde das auf der einen Seite gut, da der Kontakt zu den Fans näher ist. Andererseits lenkt die zunehmende Visualisierung schon auch von der Musik ab. Das gab´s vor 20 Jahren sicher noch nicht in der Form.

Matias: Sicher keinen Druck verspüren wir durch unser Label. Da sind keine Vorgaben, wie unsere Musik sein soll. Die einzige Herausforderung war, uns, und den Leuten die uns vertraut haben zu zeigen, dass wir das gut machen, so dass alle dazu stehen können.

Könnt ihr von eurer Musik leben?

Alex: Wir sehen uns sicher als Profi-Musiker. Im Moment arbeiten wir gerade professionell unsere Schulden ab, die wir vorher gemacht haben (lacht)!

Woran bemesst ihr Erfolg?

Matias: Wenn ein Publikum, vor dem wir noch nie gespielt haben, die „Dancer“-Choreografie mittanzt, ist das für mich durchaus ein Beleg dafür, erfolgreich gearbeitet zu haben.

Alex: Es mag blöd klingen, aber ich fühl´ mich jetzt schon sehr erfolgreich. Einfach weil wir die neue Platte fertig gestellt haben. Weil ein Ziel, das wir uns gesteckt haben, erreicht wurde. Egal, wie es dann bei den Leuten ankommt, aber wir haben das gemacht, was wir konnten. Davon leben können ist wieder etwas anderes. Aber wir haben alle unser Tun danach ausgerichtet, da wären wir wieder bei den Entscheidungen. Ich habe auch keine Lust auf zwei Autos und 100 Euro-Einkäufe. Und ich will auch nichts machen, bei dem ich keinen Sinn dahinter sehe. Von der Musik und der gemeinsamen Zeit mit der Band schöpft man dann die Kraft für weitere Aktivitäten. Ich freu´ mich jetzt schon auf das nächste Album, die Proben beginnen bald. Nach der Matura hat man ja auch die größte Lust zu lernen (lacht)!

 

cover_grGin Ga sind:

Alex Konrad (voc, g)
Emanuel Donner (voc, vi, et al)
Klemens Wihlidal (g, kb, et al)
Matias Meno (dr)

„YES/NO“ erschienen bei: Monkey Music (VÖ: 08.11.2013)

 

Nächster Live-Termin:

11.12.2013 – Flex Wien – FM4 für Licht ins Dunkel

 

Gin Ga im Internet:

www.thisisginga.com

www.facebook.com/pages/GINGA/27556979754

www.youtube.com/user/gingahome

 

Titelfoto:

© Petra Benovsky

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