Backstage. Abseits des Rampenlichts – mit Mike Tscholl

Nachdem in der Rubrik „Backstage“ unter anderem bereits Ton, Licht und Booking genauer betrachtet wurden, widmen wir uns in dieser Ausgabe dem Ort, an dem sich alles vereint: der Location – genauer gesagt dem Betreiben einer solchen. Seit nunmehr elf Jahren gestaltet Mike Tscholl das musikalische Geschehen am Wiener Gürtel mit. Als Gründer des Loft und Initiator der Gürtel Connection hat er sich mit uns über seine Tätigkeit als Clubbetreiber und die Herausforderungen der aktuellen Situation unterhalten.

Erfahrenere Gürtel-Semester wissen meist genau, wo welches Bier zu bekommen, welche noch so flüchtige Bekanntschaft anzutreffen und welche Musik zu hören ist. Letztere ist es vor allem, die die verschiedenen Lokale entlang des Lerchenfelder Gürtels in ihrer jeweiligen Art prägt. Das von Mike Tscholl betriebene Loft sticht dabei seit über zehn Jahren mit seiner genreübergreifenden Vielfalt heraus. „Das war von Anfang an unser Konzept: Keine Schublade! Wir haben uns nie in eine bestimmte Musikrichtung eingeordnet“ erklärt Mike, um es mit einem Zitat auf den Punkt zu bringen: „Irgendwo habe ich mal über uns gelesen: ‚Das Loft ist wie ein Überraschungsei – du weißt nie, was du bekommst‘.

Diese Vielseitigkeit habe jedoch sowohl ihre positiven, als auch ihre negativen Seiten. So sei es dadurch etwa nicht leicht, ein Stammpublikum aufzubauen. „Wenn du ein sehr wechselhaftes Programm hast, ist das cool und macht Spaß, aber es wird irgendwann auch verwirrend für einige Leute, wenn man nie genau weiß, was läuft.“

Zweifellos positiv an dieser Vielseitigkeit sind jedoch die stets neuen Formen von Events, die das Loft beherbergt oder selbst veranstaltet. Ein Überraschungsei in dem Sinn war somit auch die im Juni aufgrund der Corona-Situation eingeführte Loft Night Show, bei der sich unter der Moderation von Yasmo und David Scheid Künstler*innen aus Musik und Kabarett im Loft die Ehre gaben. „Wir haben das alles sehr kurzfristig gecheckt. Als professionelle Produktion würde ich es nicht bezeichnen, aber es hat einfach funktioniert, weil ein Flow entstanden ist. Wobei es auch wirklich sauviel Arbeit war! Von der Kommunikation mit den Künstlern bis hin zur Grafik und der Gestaltung als Livestream. Also extrem viele Sachen, mit denen ich sonst kaum etwas zu tun habe. Die ganze Logistik war ziemlich viel Action und ich war dabei eben der Koordinator, bei dem alles zusammenläuft. Aber das ist eigentlich immer mein Job.“

Im ersten Jahr stemmte Mike diesen Job noch gänzlich alleine. Mit den Jahren ist alles professioneller geworden und ein größeres Team um ihn herum entstanden. „Alleine war das einfach nicht mehr zu packen. Ich habe ja damals noch alles von Kommunikation, Werbung, Finanzen, Bestellungen, über Booking bis hin zur Glasmüllentsorgung selbst erledigt. Da ist sich das meiste nur sehr knapp ausgegangen. Wobei es vor zehn Jahren wahrscheinlich noch einfacher funktioniert hat als heute – da hast du noch nicht so viel Zeit für Social Media aufwenden müssen.“

Dass sich das Loft zu seiner heutigen Größe und Gestalt entwickeln würde, war für Mike anfangs nur schwer vorstellbar. „Ich wollte ursprünglich nur einen kleinen Laden machen – ähnlich unserem jetzigen Wohnzimmer. Ich hätte mir aber nie vorstellen können, dass das, was ich da starte, so groß wird. Besonders weit geplant haben wir ja nie. Es ist vieles einfach am Weg passiert.“ fasst Mike zusammen und hebt dabei insbesondere den großen Umbau anlässlich des zehnjährigen Jubiläums hervor, bei dem der gesamte obere sowie Teile des unteren Floors komplett zerlegt und neu arrangiert wurden. Vergangenen Sommer war dann auch das Cafe dran.

„Vom Raum her war die Location von Anfang an super, weil es in Wien ja nicht so viele Orte gibt, an denen man zwei große Floors hat. Dabei finde ich es gerade spannend, wenn man die Möglichkeit hat, zwischen zwei Genres zu wechseln. So kannst du als Veranstalter um einiges vielseitiger sein.“

Natürlich hat auch im Loft die Genrevielfalt ihre Grenzen, wenn es um Eigenveranstaltungen geht: „Ich kann halt logischerweise schlecht eine Techno-Veranstaltung machen, wenn ich von Techno keine Ahnung habe. Mittlerweile ist es aber so, dass wir hauptsächlich Fremdveranstaltungen haben und bei Eigenveranstaltungen eben sehr viele verschiedene Musikrichtungen bieten. Da habe ich mittlerweile schon viel gelernt darüber, was den Leuten taugt und wie man verschiedene Genres schön kombinieren kann.“

Neu kombiniert werden musste während der letzten sechs Monate auch abseits der Musik einiges. Bevor die Loft Night Show ins Leben gerufen wurde, war man freilich mit ganz anderen Problemen konfrontiert. „Am Anfang gab es ja diese 100-Leute-Regelung, für die wir uns bereits ein Konzept mit ‚Uhu-Parties‘ ausgedacht haben, also für Events mit weniger als hundert Gästen. Da war aber noch nicht ganz klar, wie ernst es noch werden sollte. Darum haben wir dieses Konzept natürlich wieder verworfen und nur noch geschaut, wie man die Firma retten kann.“

Veranstaltungen waren in der Folge für lange Zeit kein Thema mehr, vielmehr habe man sich darum gekümmert, wie man finanziell über die Runden kommt, wie sich die Kurzarbeit verwirklichen lässt und wie viele Leute man halten kann. „Ich habe dann meinen ersten Kredit unterschrieben, damit sich das alles ausgeht. Und so ist das halt dahingegangen. Dann kam die Loft Night Show. Es war aber klar, dass wir als Indoor-Location im Sommer nicht mehr aufmachen.“

Stattdessen wurde den Sommer über an Konzepten für ein Herbstprogramm gefeilt. „Dabei muss man natürlich vorsichtig vorgehen und auch Konzepte für den schlechtesten Fall aufstellen, sodass man auch in diesem noch halbwegs funktionieren kann. Circa die Hälfte unserer Konzepte können wir jetzt umsetzen, für die anderen haben wir uns etwas Neues überlegen müssen.“

Entscheidendes Kriterium für den Herbst werde das Sitzen sein. Dementsprechend gestaltet sich das geplante Programm, bei dem neben der Musik auch vermehrt Kabarett zu sehen sein soll. David Scheid, Christoph & Lollo, Drama Carbonara, Christoph Fritz und viele weitere haben sich bereits angekündigt. „Wir versuchen uns diesbezüglich breiter aufzustellen und die Räumlichkeiten auch für Theater und Kabarett zu nutzen, weil es gerade auch für diese Leute wichtig ist, Locations zu finden, wo etwas geht. Die Rahmenbedingungen dafür sind gegeben. Die Stühle stehen jetzt einmal.“

Die Krise werden nicht alle Clubs und Lokale überleben, ist sich Mike sicher. Für einige werde es leider sehr knapp werden, wenn keine weiteren Förderungen und Beihilfen kommen. In jedem Fall werde es viele Jahre dauern, bis sich alle finanziell wieder gefangen haben. „Vielleicht kann es aber auf der anderen Seite auch super sein für heimische Acts, wenn dadurch weniger internationale gebucht werden.“

 

Im nächsten Teil erzählt Mike von seinem frühen Einstieg in die Branche und von so mancher Grenze, an die man als Clubbetreiber stößt.

 

Interview: Moritz Nowak

Fotos: Sammy Kreutz, Mani Froh, Mily Zytka