Zwischen lächerlichen Kindheitsträumen und zerbrochenen Sticks

Thorsten Mahr

Nach über 100 Konzerten, zwei Deutschlandtourneen, einem exklusiven Auftritt als Support von Jimmy Eat World und einem Vertrag beim bekannten Label Roadrunner Records haben sich die österreichischen Indie-Rocker Jonas Goldbaum aufgelöst. Im Interview blickt Schlagzeuger Thorsten Mahr auf die Zeit mit der Band zurück, verrät Hintergründe über die Auflösung und erzählt von seinem persönlichen Zugang zum Schlagzeugspielen.

Wieso haben sich Jonas Goldbaum aufgelöst?
Wir haben im Nachhinein wirklich viel Spaß gehabt und viel Umsatz auch gemacht – was man gar nicht glauben mag – nur leider hat die Kohle doch noch nicht so gepasst, was natürlich auch daran liegt, daß wir alles wieder investiert haben. Am Schluß ist es aber dann besser geworden, mit unserer deutschen Plattenfirma, die sehr viel Geld in uns investiert haben, aber dafür ist natürlich der Streß nicht gerade weniger geworden.

Und woran ist es dann gescheitert?
Also ich hätte schon gesehen, daß wir eine Chance haben noch bekannter zu werden und Reichtum und Weltruhm erlangen könnten. Unser Sänger aber eher nicht. Er hat geglaubt, daß das Ganze eine Sackgasse ist, es nur noch Streß und Aufwand ist und sowieso nichts wird. Er hat einfach keine Nerven mehr dafür gehabt, nach fünf Jahren Vollgas. Bei der Band ist nämlich schon viel Zeit draufgegangen. Ich weiß nicht, ob man sich das vorstellen kann, aber es leidet einfach viel darunter: das Studium, die Arbeit, die Liebesbeziehungen …

War es eine freundschaftliche Trennung?
Naja, es ist einfach schwierig, grade wenn man so viel Zeit miteinander verbringt. Wir haben immer versucht Probleme sachlich zu lösen, aber am Schluß ist es darauf hinausgelaufen, daß es natürlich auch einfach persönliche Differenzen waren und das war das „Unfreundschaftliche“ daran – aber ich würde sagen: „freundschaftlich“ nicht, aber auch nicht „verfeindet“.
Aber das ist ein Klassiker, glaub ich. Und wir haben auch viel mit Leuten von der Plattenfirma geredet, was auch ganz wichtig war. Die haben das schon bei tausenden Bands miterlebt. Sowas gibt’s einfach bei jeder Band und wer’s nicht glaubt, der schaut sich bitte „Some Kind of Monster“ an! Gibt’s Bands wo nicht gestritten wird? Ich glaub das ist eher abnormal.

Aber war es rückblickend eine positive Zeit?
Ja, klar! Es war das, was ich machen wollte und was wahrscheinlich jeder machen will, gerade als Schlagzeuger. Beim Klavier oder der Gitarre geht’s vielleicht noch, daß man Solokünstler ist oder bei sich zu Hause allein spielt. Aber der Sinn und Zweck eines Instrumentes ist ja, daß man es in einem Ensemble spielt.
Und der lächerliche Kindheitstraum „Rockstar“ ist teilweise realistisch geworden, und deswegen war’s so geil: 150 Konzerte, um 150 Anekdoten und 150 000 Erfahrungen reicher. Alles in allem war’s zwar anstrengend aber einfach auch lustig. Aber ich mach ja sowieso weiter, in welcher Form auch immer.

Wie genau geht’s jetzt weiter?
Wir drei restlichen Jonasse sind schon wieder am Arbeiten, Songs schreiben und Arrangieren im Heimstudio am Computer. Wir haben auch schon einen neuen Sänger gesucht. Musikalisch versuchen wir dort anzuknüpfen wo Jonas Goldbaum aufgehört hat, aber das ist natürlich nicht ganz so einfach. Es wird ein bisschen anders, aber unserer Meinung nach erfrischend anders und besser als es zum Schluß war. Aber mal schauen, es ist momentan kein Druck da, es ist eher Aufbruchsstimmung. Wir machen jetzt einfach, und wenn’s die Leute oder die Veranstalter oder die Medien interessiert wär das saugeil, wenn nicht, dann halt nicht.

Wann und wie bist du überhaupt zum Schlagzeug gekommen?
Ich hab begonnen mit neun Jahren; es sind jetzt also schon 18 Jahre! Man glaubt’s gar nicht. Damals wollt ich sowieso ein Instrument lernen, meine Eltern haben mich also nicht zwingen müssen. Die Entscheidung war zwischen Klavier und Schlagzeug, ich hab dann aber beides gemacht, nur das Schlagzeug ist dann mein Hauptinstrument geworden.
Ich war dann neun oder zehn Jahre in Oberösterreich an einer Musikschule. Geübt hab ich aber nur die ersten drei oder vier Jahre, dann hat’s mich nicht mehr gefreut. Aber ich hab immer Ensembles gehabt: hab in einer Big Band gespielt, in einer Blasmusikkapelle und hab immer auch Rockbands gehabt.
Mit 14 oder 15 haben wir schon unsere erste Band gehabt und in der Garage Konzerte gegeben mit Covers von Kiss und Bon Jovi. Dann hab ich in einer Punkrock-Band gespielt, in einer New Metal-Band und danach wieder in einer Punkrock-Band, alles in Oberösterreich. Also bis ich 19 war ich hab schon etwa sechs Bands gehabt. Dann bin ich nach Wien gezogen.

Wie siehst du dich selbst als Schlagzeuger?
Wie gesagt, geübt hab ich eigentlich nie. Aber dadurch, daß ich immer Bands gehabt hab, bin ich einfach zweimal in der Woche zwei bis drei Stunden zum Spielen gekommen, das hat gepasst, aber es war eben immer Proben. Deswegen bin ich auch überhaupt kein Techniker. Auch zum Klick zu spielen hab ich erst bei Jonas Goldbaum wirklich gelernt. Ich war schon immer Ensemble-Schlagzeuger.
Und mir ist damals schon aufgefallen – mit 16 Jahren – daß viele Schlagzeuger, die genauso lang Unterricht wie ich gehabt haben, aber viel geübt haben, in ihren Bands einfach nicht die Energie rübergebracht haben, die ich damals schon hatte. Sie haben zwar brav ihre Technik-Sachen reingespielt, aber ob das gegrooved hat, hat keinen interessiert, Hauptsache schwer zu spielen.
Und das war bei mir nicht. Dadurch, daß ich eigentlich keine Technik kann, hab ich mich immer für anderes interessiert: Groove, Energie und Flow oder wie man es auch immer nennen will.

Deine Einstellung zum Live-Spielen?
Weil ich seit 15 Jahren in Bands gespielt hab und immer mindestens eine Band gehabt hab – meistens zwei – bin ich einfach ein Live-Schlagzeuger. Da bin ich auch eher der „Action-Man“: Show machen, reindreschen, gute Stimmung erzeugen. Soweit es als Schlagzeuger geht dem Publikum einheizen.
Als Schlagzeuger darf man ja nie laidback spielen, man muß eher nach vorne spielen, damit es wirklich Drive kriegt. Egal in welcher Musikrichtung eigentlich, außer Blues, da bitte nicht!
Mein Rekord beim „Sticks-Zerreißen“ liegt übrigens bei vier Stück – also zwei Paaren – während eines Auftritts. Ich glaub das kann sich sehen lassen!

Du spielst mit nur wenige Becken [Hi-Hat, ein Crash, ein Ride] – was man ja immer seltener sieht. Wie ist es dazu gekommen?
Das hab ich irgendwann notgedrungen angefangen, weil ich einmal einen Beckenständer hergeborgt oder im Studio gehabt hab und deswegen nur zwei Beckenständer dabei hatte.
Also mir geht kein Becken ab: Ride, Crash, Hi-Hat … man kann eh so viel damit machen. Auf der Ride gibt’s zum Beispiel tausende Spielmöglichkeiten, ich kann halt nur sieben davon, aber die sieben setze ich auch immer ein: nur Glocke, abwechselnd Glocke, Ping, nur ein bißchen crashen, voll ancrashen, mit dem Kopf oder dem Hals [des Sticks] auf der Glocke spielen – und ähnlich auch auf Hi-Hat bzw. Crash.

Mit wievielen Toms spielst du?
Drei: zwei Hänge- und ein Standtom. Wobei es schon einen Unterschied macht, ob man mit zwei oder drei Toms spielt. Ich hab das einmal mit Produzenten im Studio ausprobiert, und ein Lied einmal mit zwei und dann mit drei Toms eingespielt. Mit nur zwei Toms werden die Fills automatisch Snare-lastiger, ist eben Geschmackssache. Aber ich spiel doch lieber mit drei Toms, ich brauch ein tiefes für längere Tom-Teile und zwei hohe für Melodien in den Fills, es wird mir sonst zu langweilig. Und ich mach auch gerne längere, reine Tom-Teile und das geht mit zwei Toms einfach nicht.

Sind schon nächste Livetermine geplant?
Nein, jetzt in nächster Zeit spiel ich nicht so viel live. Momentan ist eher Songschreiben und Arrangieren angesagt. Aber es wird eh wieder Zeit, es geht einem schon ab. Livespielen ist das Wichtigste überhaupt. Ich war auch die letzten zwei Jahre sicher mehr auf Bühnen als im Proberaum.

Danke für das Gespräch!

Für alle die Jonas Goldbaum noch nicht kennen oder noch eine CD von ihnen haben wollen, wird es bald eine Verlosung auf beatboxx.at geben!

Interview: Matthias Rigal
Foto: Eva Judtmann

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