Joachim Murnig

Seit nunmehr sieben Jahren ist Joachim Murnig Mitglied des Tonkünstler Orchesters Niederösterreich. Als vielseitiger Schlagwerker hat sich der 28-jährige Steirer jedoch weit über die Klassik hinaus einen Namen gemacht. Ein Gespräch über Inspiration, Leistungsdruck und seine Liebe zum Drumset.

Du hattest letztens erst wieder ein Probespiel, auf das du dich lange vorbereitet hast. Wie kann man sich ein solches Probespiel und die Vorbereitung darauf vorstellen?

Gezielt habe ich mich fünfeinhalb Wochen vorbereitet, aber insgesamt schon länger, da man schon davor darauf hinarbeitet. Das war in meinem Fall für die Wiener Philharmoniker. Es gab mehrere Bewerber, von denen etwa dreißig zum Probespiel eingeladen wurden und fünfzehn in die Endauswahl kamen, in der ich dabei war. Dabei ist sehr viel Programm vorzubereiten, circa sechzig bis achtzig Stücke. Damit man diese am Stichtag perfekt spielen kann, muss man dementsprechend Zeit investieren. Das heißt konkret vier bis acht Stunden am Tag üben, neben den Ensembletätigkeiten, die man beruflich hat. Sonst habe ich versucht die übungsfreie Zeit für Dinge zu nutzen, die mich entspannen. Also Sport zu machen oder mentales Training. Ein Probespiel ist vergleichbar mit Spitzensport, wo man genauso auf einen Tag hinarbeitet, an dem man seine beste Leistung im richtigen Moment punktgenau abliefern muss. Es ist natürlich immer auch ein Vergleich und Wettbewerb. Trainieren, üben, regenerieren und mentales Training.

Wobei findest du am besten deinen Ausgleich, um zu regenerieren?

Für mich ist Sport sehr wichtig, weil ich da den Kopf ausschalten kann. Sonst versuche ich einfach ein wenig Abstand zu bekommen, indem man sich mit Freunden trifft oder etwas mit der Freundin unternimmt, gut kochen, essen gehen, und so weiter. Was man sich beim Üben erarbeitet verinnerlicht man erst dann, wenn man sich erholt. Daher ist die Regeneration so wichtig.

Du sprichst von Oliver Madas, bei dem du studiert hast, als deinen idealen Lehrer. Was macht ihn im Besonderen und einen guten Schlagwerk-Lehrer im Allgemeinen für dich aus?

Das ist natürlich für jeden anders, aber generell wenn jemand ein gutes Gespür für Menschen hat und sehr genau wahrnimmt, was jemand braucht. Außerdem ist die Fähigkeit wichtig, sein eigenes Ego hinter die große Hingabe für die Verbesserung und Entwicklung der Schüler zu stellen. Eben das habe ich sonst bei niemandem so erlebt wie bei ihm. Jemand, der beim Unterricht zu hundert Prozent für deine Entwicklung da ist. Das Ganze gepaart mit menschlichem Respekt und der Fähigkeit, auf unterschiedliche Leute unterschiedlich eingehen zu können. Das ist für mich persönlich das Wichtigste im Unterricht. Die fachliche Kompetenz sollte sowieso gegeben sein.

Du hast mit sieben Jahren begonnen zu spielen. Wie war dein damaliger Zugang zur Musik?

Meine Eltern sind Musiker und meine ältere Schwester hat damals schon Klavier gespielt. Seit ich im Bauch meiner Mutter war, bin ich von Klaviermusik umgeben. Musik war also schon immer da. Ich habe selbst auch früh mit Klavier begonnen, aber irgendwie hat sich herauskristallisiert, dass ich sehr gerne wo drauf haue. Durch meine Sozialisation war es selbstverständlich, dass ich auch etwas mit Musik machen werde und durch das Herumtrommeln hat mich mein Vater dann zum Schlagzeugunterricht geschickt. Das hat auf Anhieb perfekt gepasst.

War das gleich am Drum Set oder zuerst an der kleinen Trommel?

Das war ziemlich klassisch an der kleinen Trommel und teilweise Mallets. Ich bin in der Steiermark in der Nähe einer sehr guten Musikschule aufgewachsen und daher waren um mich herum sehr viele Möglichkeiten, bald in Ensembles zu spielen. Außerdem hat mein Lehrer schnell mein Talent erkannt und mich zu Wettbewerben geschickt oder mir Auftrittsmöglichkeiten ermöglicht. Beispielsweise bei der Blasmusikkapelle oder bei Big Bands. So hat sich das mit der Zeit weiterentwickelt. Ich habe dann angefangen, Marimba zu spielen und mich auch schwieriger klassischer Literatur zu widmen. Mit vierzehn hat es mir dann aber keinen Spaß mehr gemacht und ich habe ein paar Jahre nur Drum Set gespielt. Erst mit achtzehn Jahren habe ich wieder zur Klassik zurückgefunden und mich für das Studium entschieden.

Tut so ein „Abstecher“ nicht auch gut, um seinen spielerischen Horizont zu erweitern? Oder hattest du eher das Gefühl, dass dir diese Jahre – technisch gesehen – fehlen?

Er hat mir extrem viel gebracht. Sehr viel, wovon ich heute in meinem Spiel profitiere, habe ich diesen Jahren zu verdanken. Es hat natürlich viele gegeben, die gerade in diesen Jahren sehr viel klassisch geübt haben und in der Hinsicht auch Vorteile gegenüber mir hatten, aber bei den meisten hat dafür die Erfahrung am Drum Set gefehlt, die mir sehr viel bringt. Das Drum Set ist halt auch nach wie vor meine große Liebe. Da mein Vater Jazzer ist, bin ich mit dieser Musik aufgewachsen und habe als Teenager sehr viel diversen Jazzdrummern transkribiert und Funkgrooves ausgecheckt. Trotzdem habe ich mit achtzehn für mich entschieden, nicht davon leben zu wollen, sondern eher von der Klassik.

War es bezüglich der Technik schwer, dann wieder zur Klassik zurückzukehren? Kommen sich die verschiedenen Techniken manchmal in die Quere?

Nein, eigentlich nicht. Jede Technik hat ihre Anforderungen. Die besonderste Umstellung war das leise Spiel, an das ich mich erst wieder anpassen musste. Im klassischen Bereich muss man an der kleinen Trommel wirklich ganz minimalistisch leise spielen können. Am Drum Set braucht man einen solch leisen Anschlag so gut wie nie. Aber durch den Oliver, meinen Lehrer, habe ich die Set- Technik wunderbar verbinden können mit den Dingen, die in der Klassik notwendig waren. Dazu kommt natürlich das Equipment, das in der Klassik viel ausschlaggebender ist. Da muss beispielsweise ein Kopf von einem Stick wirklich gänzlich unversehrt sein.

Diesen Abstecher ans Set merkt man, wenn man sich einige deiner Projekte anschaut, wo du Klassik und modernde Musik mit populären Elementen verbindest. Etwa bei Louie’s Cage Percussion.

Richtig. Bei Louie’s Cage Percussion fließen alle diese Einflüsse zusammen. Und das nicht nur von mir, sondern von uns allen Sechs, die wir in diesem Ensemble spielen. Das macht unglaublich Spaß und regt die Kreativität enorm an, die im Orchesteralltag ja nicht immer gefördert wird. Bei Louie’s Cage Percussion können wir alle unsere Leidenschaften und Ideen ausleben und so kann auch ich mich da am Drum Set und in vielen anderen Bereichen einbringen.

Mit deinem Engagement bei den Tonkünstlern rief auch die internationale Bühne und Zusammenarbeit mit einigen Größen. Wie haben dich diese Erfahrungen geprägt?

Das war einfach eine extreme künstlerische Bereicherung, weil man mit so vielen Künstlern in Kontakt kommt und dadurch irrsinnig viel aufsaugt an Eindrücken und Input. Das betrifft die Kollegen im Orchester genauso wie die Dirigenten, unter denen man spielt. Davon zehre ich nach wie vor. Das Tolle ist, dass man dabei ein Gefühl dafür bekommt, was es alles gibt und auch immer wieder aufs Neue überrascht wird.

Deine Kollegin bei den Tonkünstlern, Margit Schoberleitner, hat zu mir in einem Interview gemeint: Je kleiner und kürzer die Einsätze sind, desto größer sei die Konzentration. Kannst du das bestätigen?

Ja, das hat durchaus etwas für sich. Man muss auf den Punkt genau da sein. Das wird vielleicht nach wie vor oft unterschätzt, doch ich habe das Gefühl, dass das Schlagzeug generell an Bedeutung und Beachtung gewonnen hat innerhalb der Klassik. Gerade beim Schlagwerk wurde vieles professioneller. Früher war es durchaus noch üblich – sogar bei den Philharmonikern – dass als Schlagzeuger ehemalige Hornisten eingesetzt wurden, die nicht mehr spielen konnten. Solche Dinge haben natürlich einige Vorurteile beflügelt. Vielleicht ist eine Erklärung dafür, dass man sehr wohl in jeder Weise fast überall draufhauen kann, ohne dass ein schiefer Ton entsteht, während das bei Melodieinstrumenten heikler ist. Der klangliche Unterschied zu einem absoluten Amateur ist bei einer Geige wahrscheinlich größer.

Könntest du dir ein Leben abseits der Musik heute noch vorstellen?

Eigentlich habe ich das nie in Erwägung gezogen. Nur mit achtzehn habe ich daran gezweifelt, da ich natürlich sehr durch mein familiäres Umfeld geprägt bin und so erst die Vergewisserung gesucht habe, dass es meine eigene Entscheidung ist, von der Musik zu leben und nicht die meines Umfelds. Ein Leben ohne Musik würde ich nicht wollen, aber ich habe mir immer auch andere Berufe gut vorstellen können. Jetzt davon zu leben ist natürlich super, trotzdem gibt es hie und da negative Seiten, etwa wenn man nach den täglichen acht bis zehn Stunden Musik einfach eine gewisse Sättigung verspürt. In meiner Freizeit höre ich zum Beispiel kaum Musik, weil ich beruflich immer davon umgeben bin und meistens im Kopf die Musik habe, an der ich gerade arbeite. Da ist man oft froh, wenn es mal ruhig ist.

Gerade heute ist das schwer, sich Hintergrundbeschallung zu entziehen. Im Gegenzug ist der Zugang zu Musik einfacher denn je. Du gehörst zur ersten Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist und wohl einen guten Teil der Inspiration über Youtube und Co bekommen hat…

Absolut. Das ist etwas, wovon ich sehr profitiert habe. Als ich mit dreizehn Jahren drummerworld.com entdeckt habe, war das eine Offenbarung! Nach ein zwei Jahren habe ich jeden Drummer gekannt, der auf dieser Homepage ist. Dadurch habe ich immens viel gelernt und ein Gespür dafür bekommen, wer wie spielt. Von solchen Plattformen hat man früher nur träumen können. Die Möglichkeit, fast alles zu finden, ist genial. Andererseits kann ich mir vorstellen, dass es heute fast schon zu viel ist – etwa auf Youtube. Bei Portalen wie Drummerworld war hingegen alles schön portioniert, das hat es ausgemacht.

Welche Drummer sind dir dabei besonders im Gedächtnis geblieben?

Einerseits jene, die einem mit ihrer Virtuosität die Grenzen aufzeigen. Vinnie Colaiuta etwa. Andererseits bin ich vor allem auf die Groove-Drummer abgefahren, wie Questlove, Steve Jordan und ähnliche. Aber generell habe ich die ganze Geschichte abgegrast, wodurch ich mit der Zeit erkennen konnte, wer was warum spielt und bei wem derjenige das wiederum abgeschaut hat. Was mir jedoch am meisten getaugt hat, war das Mitspielen zu Aufnahmen. Das kommt einem auch in einem Orchester zu Gute, wenn man lernt zuzuhören und mitzuspielen. Mein großes Glück war, dass ich eben in meinem Umfeld so viele Möglichkeiten gefunden habe zu spielen.

Wie bist du mit dem Druck des enormen Pensums an Übungsstunden, von dem man in der Klassik oft hört, umgegangen?

Das war und ist nicht immer leicht. Ich habe immer wieder das Gefühl gehabt, dass ich zu wenig übe oder den Erwartungen dabei nicht gerecht werde. Aber das ist natürlich Schwachsinn. Ich habe in der Klassik schon diesen Druck von außen verspürt, dass je mehr desto besser. Das hat mir insofern Probleme gemacht, weil ich es gewohnt war mit voller Freude und Enthusiasmus zu üben und das solange es eben passt. Andererseits bin ich durch die Klassik fokussierter und zielgerichteter geworden beim Üben. Trotzdem war mir der spielerische Aspekt immer am wichtigsten und den habe ich versucht mir beizubehalten. Wenn versucht wird mir das zu nehmen – und dem bin ich in der Klassik durchaus begegnet – dann ist es aus bei mir. Dann vergleicht man sich mit anderen und hinterfragt sein Können. Damit muss man klarkommen. Man kann nicht alles aufholen, sondern sollte sich auf seine eigenen Bedürfnisse fokussieren. Da schließt sich der Kreis zu meinem Lehrer Oliver Madas, der mir das ermöglicht hat, statt mir etwas aufzudrücken, was mir nicht entspricht. Denn ich bin nach wie vor das kleine Kind, das einfach Spaß am Schlagzeug hat und das ist bis heute mein Antrieb.

 

Interview: Moritz Nowak

Louie’s Cage Percussion

Termine:

05.07.2018  –  Beatboxx Drummer Camp

06.03.2019  –  Volksoper Wien

08.05.2019  –  Volksoper Wien

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